Samstag, 21. März 2009

Fazit

Im Rückblick muss ich feststellen, dass mein Unterfangen Personen zu finden, denen der Song "Sympathy for the Devil" etwas bedeutet, nur eingeschränkt von Erfolg gekrönt war.
Es war möglich, Menschen vor mein Mikrofon zu bekommen, die sich aufgrund ihres Alters auch an die Rolling Stones der 60er/70er Jahre erinnern konnten, die sie damals live miterlebt haben und die mir viel über die damalige gesellschaftliche Stimmung erzählen konnten. Jedoch habe ich niemanden getroffen, dem der Song so viel bedeutet hätte, dass er/sie sich im Vorfeld des Interviews so intensiv mit ihm auseinander gesetzt hätte, wie wir es im Seminar getan haben.

Die fünf von mir geführten Interviews zeigen in ihrem Inhalt deutliche Parallelen. Einerseits mag dies dem zentralen Fragenkatalog geschuldet sein, der bei allen Interviewpartnern ähnlich war. Andererseits war die mögliche Menge der Interviewpartner in der gegebenen Zeit nicht gerade üppig, so dass aufgrund des gegebenen akademischen Bildungshintergrunds meiner Gesprächspartner und ihrer tendenziellen Altershomogenität ein repräsentativeres Spektrum nicht möglich schien.

Ich möchte mich an dieser Stelle noch einmal bei allen meinen Interviewpartnern bedanken, dass sie sich die Zeit genommen haben mir Rede und Antwort zu stehen :)

Und wie sieht es denn nun aus im Internet? Welche Spuren hat "Sympathy for the Devil" dort auf den Homepages, in den Internetforen und Datenbanken hinterlassen?

Zuerst einmal kann ich aus tiefsten Herzen sagen, dass "Sympathy for the Devil" definitiv ein Teil des virtuellen Kollektivgedächtnisses geworden ist. Ich habe im Rahmen meiner Recherche allein 50 Lesezeichen zum Song auf meinem Rechner gespeichert, manche wurden zu Kernelementen meiner Blogbeiträge (die wissenschaftlichen Arbeiten von Gary Elshaw zu Godard One Plus One), Herb Bowies Analyse in seinem Web-Book "Reason to Rock" aber auch der Rolling Stone-Forumseintrag, aus dem sich das Interview mit Klaus G. ergab.

Vieles jedoch entpuppte sich als "Beiwerk", welches höchstens in der Lage war, den einen oder anderen Gedankengang zu forcieren oder zu katalysieren. Hierbei lassen sich drei Dimensionen unterschieden:

  1. Bezüglich der Remixe, die im Laufe der Jahre von diesem Song gemacht und welche auch von einigen meiner Kommilitonen im Rahmen ihrer Blogs thematisiert wurden, ist nicht von der Hand zu weisen, dass das Netz es erst ermöglicht hat, sich einen umfassenden Überblick über die existierenden Coverversionen zu verschaffen. Plattformen, wie YouTube u.ä. ermöglichen einen schnellen Zugriff zu den audiovisuellen Quellen und bieten somit einen wunderbaren Ausgangspunkt, um den einen oder anderen Gedanken davon abzuleiten bzw. die einzelnen Werke miteinander in Bezug zu setzen und zu vergleichen.

  2. Die persönliche Kommunikation und die Beiträge in den Foren, die sich mit den Rolling Stones beschäftigen, waren - wie zu erwarten war - recht knapp gehalten. Vermehrt bestand diese Dimension aus Geschmacksfragen, welche Version des Liedes nun die beste sei (z.B. hier), oder Kommentare über Mitglieder der Band oder deren Lieder (hier).

  3. Zur dritten Dimension möchte ich die "rekursive Manifestion bestehender Legenden" zählen. In der Literatur als falsch belegte Informationen werden - typisch für's Netz - voneinander abgeschrieben und bekommen rein durch die Menge ihres Auftretens eine qualitative Aufwertung und werden für glaubwürdig befunden. Diese Gerüchteküche trägt zur Legendenbildung über die Rolling Stones bei, von der die Rolling Stones auch jetzt noch zehren können, so z.B. Stones-Zitate, Gerüchte und Altamont (hier und hier). Gleichzeitig trägt das Internet aber auch zur Klärung der Geschichte bei. Zu der dritten Dimension zähle ich auch den Satanismus-Diskurs, in dem die Rolling Stones immer wieder für die religiös-konservative Argumentation herhalten müssen (z.B. hier und hier).
Insgesamt muss jedoch festgestellt werden, dass die Quellen im Internet sich qualitativ doch stark am alltags- bzw. umgangssprachlichen Feld orientieren und der, dem Seminar vorliegenden Literatur bis auf wenige Ausnahmen (s.o.) qualitativ nicht standhalten können. Dennoch boten sie für mich eine fruchtbare Grundlage, gekoppelt mit den Ergebnissen aus dem Seminar, um daraus die Grundkonstruktion zu zimmern, mit der ich meinen Interviewpartnern gegenübertreten konnte.

Dienstag, 17. März 2009

Interview #5: Friedrich K.

Also eines ist klar: Friedrich Kittler ist kein Stones-Fan! Ich hatte schon mein letztes Interview dieser Reihe den Bach runter gehen sehen, als Professor Kittler mir in seiner Sprechstunde eröffnete, dass er viel lieber die Beatles gehört habe und immer noch ein ausgeprägter Fan von Pink Floyd sei (die nun einmal an dieser Stelle so gar nicht thematisiert werden sollen). Aber dann konnte ich ihn doch noch für eine intellektuelle Auseinandersetzung mit den - in seinen Augen - "brutalistischen" Rolling Stones interessieren.



Die zweite Hälfte der 60er Jahre hat Kittler studierend in Freiburg verbracht, so dass er all diese Songs durch die Jukebox im Studentencafé kennengelernt hat.

Auch Kittler spricht von einer "ideologischen Front", die zwischen den Rolling Stones-Hörern und denen der Beatles verlief. Allerdings beschreibt er dies auf einer Ebene, die in dieser Klarheit bei meinen anderen Interviewpartnern so nicht beschrieben wurde und auch noch zu überprüfen wäre:

Die Polarisierung der Fans vollzog sich nach Kittler nicht nur an der Demarkationslinie des eigenen Musikgeschacks, sondern es scheint auch einen vertikalen Klassenzusammenhang zu geben, welche Musik man nun hörte und welche nicht. Die angehenden Akademiker hörten auf ihren WG-Parties Pink Floyd und György Ligeti, die Rolling Stones waren der "Soundtrack des einfachen Volkes".

Hier kommt ein wertkonservativer Gedanke in die Diskussion, der sich - aus meiner Sicht - mit den Intentionen und Gedanken der 68er und des Aufbrechens alter Gesellschaftsstrukturen kaum vertragen mag. Jedoch scheint die Identifikation mit Musik und Kultur als Repräsentationsmittel und Versicherung der eigenen Rolle und Identität auch heute noch ungebrochen. Sonst müssten wir uns vermutlich nicht mit solch poststrukturalistischen Vokabeln wie "high/low brow" herumschlagen.

Sehr interessant war es auf jeden Fall, die Inhalte der mir aus dem Seminar bekannten Texte aus Kittlers Mund zu lauschen, was die wunderbare Möglichkeit der Ergänzungen mit sich brachte, die oftmals über die bekannten Textinhalte hinaus gingen.

Kittlers Ansatz blieb natürlich auch in unserem Gespräch technisch-deterministisch. Im Rahmen seiner Laudatio für Bran Eno an der (heutigen) UDK Berlin thematisierte er seinen Ansatz, das diese Art von Musik nur in Großbritannien entstehen konnte: als Crossover-Kultur von europäischer Hochtechnologie und amerikanischen Rhythm & Blues. Diese Herleitung wurde ihm anscheinend von Brian Eno bestätigt, im persönlichen Gespräch nach der Laudatio anhand dessen eigener Sozialisation. Dieser Gedanke scheint aber gleichzeitig auch ein Teil von Kittlers offenbar langjährigen Auseinandersetzung mit Dietrich Dietrichsen zu sein … Es ist kaum zu glauben, welchen Einfluss die Rolling Stones auf unser heutiges Leben haben ;)

Quellenangaben zu den Fotos:
Bild 1: Friedrich Kittler, Quelle: kunstradio.at
Bild 2: Dietrich Dietrichsen, Quelle: Wikipedia

Samstag, 28. Februar 2009

Interview #4: Hartwig W.

Interview #3: Hartwig W., Berliner Abiturient des Jahres 1965 ist ein wirklich großer Rolling Stones-Fan. Als ich ihn zum Interview getroffen habe, hatte er einen ganzen Beutel voll mit Stones-Devotionalien dabei, die er während des Interviews Stück für Stück auspackte. Für ihn als Kind des Berliner Nachkriegsbürgertums waren die Rolling Stones eine kontrapunktische Blaupause für das damalige deutsche Alltagsleben.



Auch wenn er anscheinend ein ganz braver Bube war, hat er die gesellschaftliche Situation im Berlin um 1965 schon als Aufbruchstimmung wahrgenommen. Für Hartwig W. scheinen die Rolling Stones zugleich Katalysator als auch Manifestation zu sein, wenn er von der "Alltagsrebellion" spricht, dem Aufruhr gegen die Eltern und die bewusste Abkehr vom bundesrepublikanischen Gestern. Musikalisch und politisch wurden bestehende Grenzen überschritten, die Musik gab den Jugendlichen von damals die Kraft dazu.

In Hartwigs Augen wollten die Rolling Stones immer extraordinär sein, um sich von den übrigen Bands zu unterscheiden. Der mehrfache Imagewechsel diente in seinen Augen größtenteils dazu. Allerdings scheinen die Stones, je tiefer sie sich in Drogen und Geld verloren, auch ihre künstlerische Qualität verloren zu haben. Die schwächste Phase der Rolling Stones sieht Hartwig W. in den 70er Jahren, wo sie entweder ganz verschwunden waren oder halbherzige Soloprojekte machten.

Auch wenn die Rolling Stones sich nie so gezielt in einem politischen Kontext positioniert hatten, wie andere Künstler der Zeit, sieht Hartwig W. in ihrem Wirken dennoch eine politische Message. Das Publikum ist mit den Rolling Stones älter geworden und hat mit ihnen einige politische Phasen durchlebt. Somit ist schwer zu sagen, ob die Stones konservativer wurden, oder die westliche Gesellschaft (z.B. in der neokonservativen Ära von Reagan und Thatcher in den 80er Jahren) und damit auch die Fans wiederum ihren Einfluss auf die Rolling Stones und deren Schaffen ausübten.

Das Politische bei den Rolling Stones ist jedoch in Hartwig W.s Wahnehmung im Laufe der Jahre immer mehr verloren gegangen, so dass die Band ab den 80er Jahren für ihn zum "Botschafter ihres eigenen Werdegangs" wurden. Das mag nachvollziehbar zu sein, den nur wenige Band haben eine ähnlich lang andauernde Karriere zustande gebracht. Jene, die es geschafft haben, werden mittlerweile als unantastbarer Mythos wahrgenommen, genau wie die Rolling Stones. Die Rolling Stones dienen mittlerweile der ersten Fan-Generation als positive Indentifikations- und Kraftquelle für die eigene Biografie, und darin unterscheiden diese sich nicht von den 15-jährigen Teenies und ihrem Verhältnis zu ihren Helden. "Sie haben überlebt" sagt Hartwig W. - und die Fans mit ihnen.

Quellenangaben zum Foto:
Bild 1: The New York Times. Times Topics - Rolling Stones News. Quelle: Bettmann/Corbis

Dienstag, 10. Februar 2009

Herb Bowies Analyse zum "Lyrischen Ich"

Ich habe bereits schon in einem früheren Beitrag aus Herb Bowies Analyse zu "Sympathy for the Devil" zitiert und an jener Stelle bereits auch einige Gedanken zum "Lyrischen Ich" entwickelt.

Aber auch nach diversen Wochen des Surfen über Internetseiten, die sich mit "Sympathy" beschäftigen, bin ich auf keine vergleichbare Quelle gestoßen, die sich so sehr mit der eigentlichen Analyse des Stones-Songs beschäftigt. Die meisten anderen benutzen den Song, um über die dazu existierenden Remakes zu sprechen, ihn mit anderen Songs der Stones zu vergleichen oder (meist aus christlicher Sicht) mit dem Song eine Debatte über das Teuflische in der Rockmusik zu eröffnen. Herb Bowie jedoch nicht. Er schenkt dem Song als solchen seine gesamte Aufmerksamkeit.

Daher möchte ich mich mit diesem Blogbeitrag dem Kern meiner ursprünglichen Intention widmen: im großen Rauschen des WWW Spuren zu finden von Menschen, denen dieser Song anscheinend etwas bedeutet. Und Herb Bowie scheint genau ein solcher zu sein. Er bezeichnet sich selbst auf seiner Homepage als Autor, Software-Entwickler und "organisational leader"(?!), der sich über Themen aus den Feldern Softwareentwicklung, kulturelle Entwicklungen, Philosophy und Ästhetik.

Herb Bowie scheint "Sympathy for the Devil" so viel zu bedeuten, dass er den Song auswählt, um ihn in seinem selbst erstellten Web-Book "Reason to Rock" als einen von 19 handgepickten Blues- und Rocksongs (von Robert Johnson [1936] bis Bob Seger [1976]) zu analysieren. Und das finde ich erwähnenswert. Denn wenn man sich alleine schon die schiere Menge an Pop- und Rocksongs zwischen 1936 und 1976 versucht vorzustellen, dann muss man zwangsläufig daraus schließen, dass die von Bowie ausgewählten 19 Songs dem Autor wirklich etwas zu bedeuten scheinen.

Und Bowie hat anscheinend mehr begriffen, als viele andere Wortakrobaten des Internets. Gleich im ersten Absatz seines Textes weißt er darauf hin, dass wir es bei "Sympathy for the Devil" mit einer Ich-Erzählung zu tun haben, namentlich dem Teufel persönlich. Dies scheint als Fakt oftmals in der Rezeption der Rolling Stones als Band und insbesondere der Geschichte des Songs vergessen worden zu sein. Gerade in der Argumentation der christlichen Konservativen wird dieser literarische Kniff beflissentlich übersehen und der/die Musiker monokausal-linear mit den Inhalten ihrer Songs zusammen gedacht: so betont Herb Bowie, dass nicht Mick Jagger der Teufel ist, sondern das Lyrische Ich des Songs. Was in der Literatur ein längst akzeptiertes Stilmittel ist, hat heute immer noch Schwierigkeiten in der Popmusik auf reflektierende Akzeptanz zu stoßen (das jüngste Beispiel des Rap mit dem diesem immer unterstellten Authentizitätsdiskurs macht es offensichtlich). Wobei die Kenntnis über die Mittel und die Akzeptanz vielleicht doch weit verbreitet ist, die Trennung der beiden Positionen "Autor - Lyrisches Ich" aber gerne unbemerkt über Bord geworfen wird, wenn es der eigenen Argumentation hilft.

Ausgehend von dieser Separierung als Stilmittel, liegt für Herb Bowie die Essenz des Songs dann auch in der Frage, inwiefern sich Gut und Böse, Wirklichkeit und Realität voneinander trennen lassen. Mick Jagger als Songwriter der Rolling Stones bemüht sich redlich über die Personifizierung des Teufels als "Lyrisches Ich" die Wahrnehmung und Identifikation des Hörers zu lenken. Diesem soll - so Bowie - auf diesem Weg die Erkenntnis nahegelegt werde, dass sich das Böse in der Welt befindet und es überall und in jedem stecken kann:
Instead Jagger seems to be using the devil as a symbol, a personification of evil, and of how it works in the world. What the words seem to be saying is that there is evil in the world, and we need to be on our guard, because evil will not always appear as such, and may often be disguised by those who would wish to deceive us.
Im weiteren Verlauf seines Artikels versucht Herb Bowie zu belegen, dass die Musik die Aussage des Textes in seiner Darbietung nicht nur passend untermalt, sondern dass die Instrumentierung des Songs und der sich entwickelnde Verlauf des Songs die von ihm beschriebene Wirkung erst ermöglicht. Abgesehen von dem stetig sich steigernden instrumentalen Aufbau des Songs (was ihn von den klassischen Rondobögen der Strophe-Refrain-Popsongs unterscheidet), legt Herb Bowie viel Wert auf die Analyse von Mick Jaggers Gesangskünsten:
Jagger howls in the background, his voice altered electronically to sound more bestial, and echoing in the distance, adding to the threatening impression of being in a dark jungle. The howls are followed by grunts, now sounding human, but primitive.


(…) The music perfectly mirrors the anarchy portrayed in Jagger's lyrics, as he describes the overthrow of the tzars and the blitzkrieg. At the same time, Jagger's voice becomes less controlled, singing, shouting now, although still showing perfect enunciation on words like "stank."


On the third verse we pick up background vocals singing high-pitched "whoo, whoo"s at the end of each line. The vocals are almost childishly simple, yet effective, adding a ghost-like refrain to the continuing rhythmic churning of the instruments. Jagger's vocals are strained now, cracking with emotion on nearly every word.


(…) Richards' guitar and Jaggers vocals play off of one another, echoing, slyly mimicking each other. Jagger begins singing fragments from the song in a scratchy falsetto. Chaos reigns, with Jagger repeatedly taunting, "Can you guess my name?"
Schon 1968 verhalfen - der Technik sei Dank - Hall und Delay den Rocksongs nicht nur zu mehr Volumen in den Aufnahmen, sondern in Verbindung mit dem kontrollierten, experimentellen Einsatz der Gesangsstimme erweiterten sie diese zu einem künstlichen Raum, der richtig eingesetzt psychoakustische Effekte in sich trug. Somit kann man schon wieder nachvollziehen, dass einige Hörer die bemüht atmosphärische Inszenierung der Stimme Jaggers als Bindeglied zwischen dem Künstler und dem "Lyrischen Ich" in ihrem Kopf zu einer Person zusammenführten. Mit diese Interpretation werden wohl auch die Künstler selbst gespielt haben, schaut man sich die Covergestaltung der folgenden Rolling Stones-Alben genauer an, wie wir es im Seminar getan haben. Im Zweifelsfall, wenn wieder ein Verrückter durchdreht und alle dafür einen Buhmann suchen, kann man ja als Künstler immer noch die Notbremse ziehen und sagen, dass es nicht so gemeint war... es ist und bleibt ein Spiel mit dem Feuer, war aber schon immer eine gute PR-Strategie.

Mittwoch, 28. Januar 2009

Interview #3: Rani T.

Interview #3: Rani T. war noch Schülerin im altsprachlichen Gymnasium, als sie in Frankfurt über das American Forces Network (AFN) mit Rock'n'Roll in Berührung kam. Für die westdeutsche Jugend in den Fünfziger Jahren war es anscheinend eine harte Zeit. Zwischen Nierentisch und Salzstangen eingezwängt, scheint es aus heutiger Sicht fast schon eine natürliche Entwicklung zur Studentenrevolte und den Kampf um die individuelle Freiheit.



Auffällig bei diesem Interview war wieder einmal, das auch Rani mehrmals den direkten Vergleich zwischen den Beatles und den Rolling Stones zog, ebenso wie meine vorherigen Gesprächspartner Burkhart H. und Klaus G. Es scheint auch heute noch zwischen diesen beiden Bands ein besonderes (auch medial forciertes) Verhältnis in unserem kulturellen Gedächtnis zu existieren, welches für die jungen Fans in den Sechziger Jahren eine Art "Glaubensfrage" darstellte, die sich bis heute in der Erinnerung durchschlägt, selbst wenn man sich selber retrospektiv gar nicht als ein eindeutiger Fan einschätzt.

Für Rani T. erschienen die Rolling Stones wilder, unmittelbarer und weniger zivilisiert als die Beatles, was sich offensichtlich auch in den Konzerten der Band und dem Verhalten des Publikums niederschlug. Zwar wurde die Konzerthalle in Frankfurt nicht zu Kleinholz verarbeitet, wie die Waldbühne in Berlin, aber in Ranis Erinnerung war auch das von ihr in Frankfurt besuchte Rolling Stones-Konzert eine chaotische Veranstaltung. Und auch in Frankfurt wirkte die Band drogenbedingt derangiert. Auch hier war es nur ein kurzes Konzert, bis die Musiker von der Bühne verschwanden. Ich denke, dass dieses immer wiederkehrende Verhalten der Rolling Stones in ihren frühen Jahren einen wichtigen Teil davon ausmacht, wie sich ihr Ruf und ihr Image in den weiteren Jahren entwickelte.

Auch Rani ist dem Gerücht von Altamont aufgesessen, dass die Stones dort "Sympathy for the Devil" spielten, als der Zwischenfall mit den Hells Angels geschah. Aber auch wie meine bisherigen Gesprächspartner kommt Rani zu der Einschätzung, dass dies weder die Schuld noch der Verdienst der Rolling Stones war. Vielmehr fragt sie, was für ein Begriff das Teuflische in seinem Verhältnis zu den Rolling Stones überhaupt einnimmt?

Die Rolling Stones (und der Rock'n'Roll überhaupt) stellen für Rani einen Archetyp des Rohen dar, wovon man sich als zivilisierter Mensch im Laufe seiner Entwicklung normalerweise wegbewegt. Die Rolling Stones haben den kulturell rohen und rauen Elementen in ihrer künstlerischen Entwicklung immer freien Lauf gelassen und das als kreatives Potential genutzt. Somit erscheint die den Stones immer wieder nachgesagte Affinität zum Teuflischen als "Spiel mit dem Feuer", um sich im Sinne des Rocks in ihrer Kreativität immer weiter zu entwickeln.

Rani sagt, dass der Teufel in jedem Menschen stecke und immer auch ein Teil der eigenen Seele sei. Diesen in Schach zu halten, scheint eine Kunst, die sich weniger im Satanismus o.ä. Phänomenen manifestiert, als eher eine lebensbegleitende Auseinandersetzung mit sich selbst und der eigenen Existenz zu sein scheint... womit ich, auf meinen vorherigen Blogeintrag verweisend, auch schließen möchte.


Quellenangaben zu den Fotos:
Bild 1: Original caption: 9/11/1973-Frankfurt, Germany - Mick Jagger arriving in Frankfurt for the start of the German leg of his rock troupe's 1973 European tour. Quelle: Corbis

Montag, 19. Januar 2009

Kein Engel für Mick

Ich bin beim Stöbern im Internet auf das Webforum des Internetradioanbieters Radio Paradise gestoßen. Dort wurden in den letzten drei Jahren 49 Kommentare zum Stones-Song "Saint of Me" gepostet, der auf der Station zum letzten Mal am 28. August 2005 gespielt wurde. Der Song "Saint of Me" ist von dem 1997 veröffentlichten Rolling Stones-Album "Bridges to Babylon".

Hier erst einmal das Video zum Song:


The Rolling Stones - Saint Of Me - MyVideo

Und weil es so schön und nützlich ist, hier gleich die Lyrics hinterher:

Saint Of Me
(jagger/richards)

Saint paul the persecutor
Was a cruel and sinful man
Jesus hit him with a blinding light
And then his life began
I said yeah
I said yeah

Augustin knew temptation
He loved women, wine and song
And all the special pleasures
Of doing something wrong
I said yeah
I said yeah

I said yeah, oh yeah, oh yeah
Youll never make a saint of me
Oh yeah, oh yeah
Youll never make a saint of me

And could you stand the torture
And could you stand the pain
Could you put your faith in jesus
When youre burning in the flames

And I do believe in miracles
And I want to save my soul
And I know that Im a sinner
Im gonna die here in the cold
I said yes, I said yeah

I said yeah, oh yeah, oh yeah
Youll never make a saint of me
Oh yeah, oh yeah
Youll never make a saint of me
Oh yeah, oh yeah
Youll never make a saint of me
Oh yeah, oh yeah
Youll never make a saint of me

I thought I heard an angel cry
I thought I saw a teardrop falling from his eye

John the baptist was a martyr
But he stirred up herods hate
And salome got her wish
To have him served up on a plate
I said yes
I said yeah

I said yeah, oh yeah, oh yeah
Youll never make a saint of me
Oh yeah, oh yeah
Youll never make a saint of me
Oh yeah, oh yeah
Youll never make a saint of me
Oh yeah, oh yeah
Youll never make a saint of me

I thought I heard an angel cry
I thought I saw a teardrop falling from his eye
I thought I saw an angel cry

Youll never make a saint of me
Youll never make a saint of me

So weit, so gut. Auch bei diesem Song muss man Mick Jagger eine gewisse, humanistisch gebildete Bibelstabilität anerkennen. Aber zurück zu den Fans: Am 18. Februar 2005 um 11:15 Uhr schrieb "dkwalika" folgenden Beitrag in den Thread zu "Saint of Me" im Forum von Radio Paradise:

[…] this song is the anti-Sympathy. Think "Yeah, Oh Yeah" vs. "Whoo-hoo" in Sympathy for the Devil. […]

Anscheinend entlockt dieser Song dem einen oder anderen Stones-Fan die Assoziation zu "Sympathy for the Devil". Im Intro hören wir eine Orgel… eine ORGEL?! War es nicht eine Orgel, die bei "Sympathy for the Devil" im Laufe von Godards "One plus One" dem etwas rhythmischer gespielten Klavier weichen musste? Dann beginnt die Rhythmus-Sektion inklusive Schellenring, dass man meinen könnte, der zugedröhnte Brian Jones stünde wieder an den Maracas. Aber was sich 1968 in einen furiosen Sambagroove entwickelt, findet 1997 zurück in die Ursprünglichkeit der modernen Rockmusik: den Blues.

Und immer wieder diese Bilder: Wer ist denn dieser blonde Engel mit dem verschmierten Kayal? Bei Pilatus waren es noch die Hände, die in Unschuld gewaschen wurden. Hier werden die Füße der Dame benetzt, was eine schwüle Erotik ausschwitzt, fast so schlimm, wie eine Fußmassage. Und warum, zur Hölle, stehen die Rolling Stones die ganze Zeit in einem abgewrackten Waschraum. Würde die Kamera nur einen 90-Grad-Schwenk machen, vermutlich käme das Klo vom "Beggars Banquet"-Cover ins Bild. Und dann dieses Abendmahl-Motiv - zeig' mir bitte noch einmal das Innencover von "Beggars Banquet"! Und am Ende zieht ein schwarzer Engel wie ein Geier seine Kreise vor einem Nachtclub namens "Erlösung". Oh mann, so stelle ich mir den Vorraum der Hölle vor…

Nun gut. Nachdem im Forums-Thread noch ein paar Beiträge über die tollen Fähigkeiten und die "engelsgleiche" Person von Charlie Watts plätschern und ob der Song nicht ein wenig zu sehr nach INXS klänge (??!), schreibt "noetic" am 30. Juni 2005 um 16:52 Uhr noch folgendes:

YET, I can't help but wonder why Sympathy of the Devil seems to reflect more personal passion?

Tja, warum klingt "Sympathy of the Devil" denn bloß so leidenschaftlich im Vergleich zu "Saint of Me"? Weil die Stones einfach älter geworden sind und Mick Jagger nicht mehr so Jungspund-mäßig über die Bühne hüpft und zappelt? Weil die sie mittlerweile zu Millionären geworden sind? - ODER WEIL DIE ROLLING STONES EINFACH "EVIL" SIND UND VOR JAHREN SCHON DEM TEUFEL IHRE SEELE VERKAUFT HABEN?

Naja, alle außer Charlie, denn der hat ja schon drei Engel…

Freitag, 9. Januar 2009

Just another Cover Song? - Der Fatboy Slim Remix

Was haben wir denn da? Im Laufe des Semesters sind wir immer wieder auf Cover-Versionen von "Sympathy for the Devil" gestoßen. Einige davon haben wir im Seminar angesprochen (Guns N' Roses, Jane's Addiction, Laibach …), andere wurden bereits von einigen meiner Kommilitonen in ihren Weblogs angeführt (The Neptunes).

Eine Version ist uns dabei allerdings bisher durch die Lappen gegangen: Im Jahre 2003 veröffentlichte der Beatbastler Norman Cook alias Fatboy Slim seine Version des Songs. Diese Version unterscheidet sich von den meisten anderen Versionen meines Erachtens darin, dass es keine Cover-Version ist, sondern ein Remix (am ehesten vergleichbar mit der Version von den Neptunes), da nicht eine andere Band sich des Songs "Sympathy for the Devil" bedient, sondern die Rolling Stones hier "in persona" performen.



(hier noch ein Link zu einer besseren Bildqualität, leider ließ sich dieser Film nicht an dieser Stelle einbetten)

Schaut man sich das Video an, so stellt sich auf den ersten Blick die Frage, wo hier der Remix sein soll. Norman Cooks Version von 2003 klingt verdächtig wie das Original der Rolling Stones aus dem Jahre 1968. Erst beim genaueren Hinhören und im direkten Vergleich schimmern die dezenten Unterschiede durch.

Auf der Tonspur geschieht kaum neues, dafür wurde aber "unter der Haube" geschraubt. Cook hat zum einen die Rhythmusspur ergänzt und gestrafft, dass der nun quantisierte Groove mixbar und Tanzflächen-kompatibel wurde. Weiterhin hat er einige Breaks und Drum-Fill-Ins neu eingeflochten. Zum anderen hat er einige Parts des Songs überarbeitet und ein paar Sounds neu eingespielt (diverse Synthesizerklänge und das Honky Tonk-Klavier zum Ende), als auch Keith Richards' Gitarrensolo gecuttet.

Viel ergiebiger als den Remix selbst finde ich jedoch das zu Norman Cooks Remix produzierte Video. Ich möchte im Rahmen dieses Blogbeitrags auf ein paar Elemente aufmerksam machen, die mich dazu bringen die These aufzustellen, dass wir es hier besonders auf der Bildebene mit einer interessanten Verschränkung von Diskursen zu tun haben: Einer Verzahnung des historisch-politischen und des popkulturell-ästhetischen Diskurses, welche in der Bildpräsenz der Rolling Stones ihre selbstbestimmte Manifestation finden.

Zur historisch-politischen Ebene: Was mir sofort bei der ersten Sichtung auffiel: das Video beinhaltet eine Menge Bildmaterial, was die Rolling Stones live zeigt. Vielleicht erkennt es der eine oder die andere wieder?! Es ist das Bildmaterial aus "Live at The Rock'n'Roll Circus" von 1968, über welches ich in diesem Blog vor zwei Einträgen geschrieben habe. Wir haben es hier also mit authentischem Stones-Bildmaterial zu tun, das so geschickt an die Tonspur angelegt wurde, dass der Eindruck von Synchronität entsteht. Beeindruckend, wenn man davon ausgeht, dass nicht die mittelmäßige Qualität der BBC-Tonspur die Grundlage für Norman Cooks Remix gewesen sein wird.

In welchem Detail steckt der Teufel hier? Nun ja, er versteckt sich quasi im Kleingedruckten. Politische Inhalte finden sich sowohl in den Überschriften der eingeblendeten Zeitungsausschnitte, als auch in den kurzen Filmsequenzen und Fotoeinblendungen (Vietnam, Napalm-Abwurf, das Kennedy-Attentat, die Zarenfamilie, Randale auf einer Konzertbühne).

Aber was - um Himmels willen - sind das für Überschriften?! Das, was im laufenden Video wie eine Sammlung zeitgenössischer Zeitungsartikel zur Untermauerung des Textzeilen wirkt, entwickelt beim Versuch des genauen Lesens eine ganz eigene Dimension. Ich konnte leider nicht alle Überschriften entziffern, aber hier eine Auswahl - Wikipedia und Google helfen, denn dies ist keine Magisterarbeit, sondern ein Blogeintrag, verdammt!!!

  • Poll: 91.5 % Of Soldiers Say Bodies Stank
  • Eyewitness: It Was Statan's Geat Ball
  • Extraction Of The Seventh Proof

… so weit, so gut. Aber dann …


… und wieder zurück zum Thema …

  • Accident At Griboyedov
  • News From Yalta
  • The Appearance Of The Hero (mit Foto von JFK)
  • Supporters Hail Dawn New Era
  • 'We Have Returned The Future To It's Rightful Owners'

… aber jetzt wird's wild …

  • The Execution of Pontius Pilatus - Govenor's Death Televised Worldwide
  • Notorious Roman Puppet Pays Ultimate Price
  • Refusal To Protect Jesus Leads To Crucification

… ??! …

  • The Burial Of The Evil Poet
  • The Day Without Peace - Warfare Erupts Around The World
  • No Nations Safe From Attack
  • Clash Over Alien Crash Site
  • City Empties As Bombs Fall
  • The Fate Of The Behemoth Is Determined
  • Security Council Votes For Immedite Strike Against Leviathan

… um es am Ende endgültig klar zu machen:

  • Officials Deny 'Doomsday' Leaks
  • Vote Sparks Riot Looting Around The Globe
  • 'The End Is Near' Says Vatican
Yep, das Ende ist nah!!! Weekly World News hätte es nicht besser schreiben können. Fact or Fiction - Hier mischt sich alles in Windeseile und man hat kaum Zeit zu lesen, was die dokumentarischen Medien hier alles behaupten. Es wird schon stimmen…

Zur ästhetischen Ebene: Das Bildmaterial wurde bearbeitet. Die Farbwerte der Bilder werden kontinuierlich im Ablauf manipuliert. Das Originalmaterial wird entfärbt, monochrom eingefärbt oder an den Chromawerten herumgespielt, so dass eine psychedelische Farbskala erreicht wird. Freezeframes werden eingebaut, die einzelnen Musiker aus dem Bildzusammenhang extrahiert und mit fremden Bildelementen rekontextualisiert. Das alles geschieht in der 2003 popkulturell vorherrschenden, vektorbasierten "Macromedia Flash"-Ästhetik, wie wir sie mittlerweile auf jedem zweiten Bandplakat und auch auf Myspace finden.

Kollagiert werden die Stills bzw. Snippets des Stonesauftritts von '68 mit assoziativen ikonografischen Elementen, deren Tiefe zugunsten einer zweidimensionalen, einfarbigen Darstellung reduziert wurde und die die entsprechenden Textstellen in Mick Jaggers Text illustrieren. Eine neue, virtuelle Raumtiefe wird durch die immer wieder eingeblendeten, psychedelisch angehauchten "Bildschirmschoner"-Vektorfahrten erzeugt, die die "Ereignisse" im Video quasi wie auf einer Perlenschnur rhythmisch verbinden. Die darin vertikalen großflächigen Punktrasterungen des ursprünglichen Bildmaterials lassen einen die Medialität der Bilder spüren, in der am Ende des Songs die Rolling Stones implodieren.

Zusammenfassend bin ich der Meinung, dass die Rolling Stones mit diesem Remix in zwei Dimensionen "erweitert" werden, ohne dass sie selbst noch etwas aktiv dazu beigetragen hätten: sie werden mit Hilfe dieses Videos sowohl bildästhetisch, als auch klanglich aus dem Jahre 1968 auf den Pop-Diskurs von 2003 aktualisiert und gleichzeitig politisch-historisch mit dem zugrunde liegenden Filmmaterial und den vermeintlich dokumentarischen Zeitungsausschnitten temporal fixiert. Eine Zeitspanne von über 40 Jahren wird überbrückt, und die Rolling Stones erscheinen 2003 in dieser Darstellung genauso hip, wie die Strokes oder eine x-beliebige andere zeitgenössische Garagenrockband. Man sollte hierbei jedoch nicht "hip" mit "zeitlos" verwechseln.

Somit vergrößert der Remix und sein Videoclip die (ich nenne es einmal) Aura der Rolling Stones. Um ein Bild für diese gedankliche Bewegung zu bringen und meine These ein wenig auf die Spitze zu treiben: Die Rolling Stones werden mit diesem Remix "aufgeblasen" und ihre Rolle in der Popgeschichte wird zu ihren Gunsten verschoben. Sie ähneln mit dieser Überdimensioniertheit ihrer 40-jährigen Dauerhipness ein wenig dem Marshmellow-Mann in Ghostbusters, denn ihr Mythos bekommt dadurch etwas monströses.

Aber wenn die Rolling Stones im Pop-Diskurs mittlerweile die Physis des Marshmellow-Mann angenommen haben sollten, dann finden wir vielleicht auch dort Hinweise, wo das Dämonische in den Rolling Stones steckt und wie wir diesem zu Leibe rücken können... Entschuldigung, das war ein Witz.