Sonntag, 23. November 2008

Wer - zur Hölle - ist hier eigentlich der Teufel?

Dieser Blogeintrag widmet sich der Frage, wer hier überhaupt der Teufel ist, von dem Mick Jagger in seinem Text spricht. Dafür möchte ich an Velkos Blogeintrag vom 18.11.2008 anknüpfen. Wenn ich ihn richtig verstanden habe, hat Velko einfach mal versucht die klassische Interpretation, dass der Teufel das Lied singt, zugunsten einer historisch real existierenden Person zu wechseln (z.B. Lee Harvey Oswald, Joseph Goebbels oder dem Mitglied einer Verschwörung den Text in den Mund zu legen).

Spinnt man den Gedanken weiter, so nimmt Mick Jagger als Sänger der Rolling Stones und Autor des Songtextes quasi lediglich die Rolle des Mediums ein und die Rolle des Teufels steht zur Disposition.

Dieser "Perspektivwechsel" erinnert mich an ein Gespräch mit einem Arbeitskollegen, dem ich von diesem Seminar erzählt habe. Er erzählte mir - als ehemaliger Musikjournalist mit starker Affinität zur Rockmusik -, dass vor dem Aufkommen der Rockmusik im musikalischen Universum die literarische Form des Lyrischen Ichs nahezu gar nicht ausgeprägt war. Je weiter man sich von einer rollenorientierten Darstellung (vgl. Theater, Oper, …) entfernte, desto stärker liefen die Darstellenden Gefahr, dass die Zuhörer das, was die Künstler präsentierten mit der Person des Künstlers identifizierten. Anscheinend gab es in den 60er Jahren nicht wenige Zuhörer, welche die Texte der Musiker als autobiografisch wahrnahmen und die Übertragung des Konzeptes "Lyrisches Ich" in die Texte der Rock- und Popmusik noch nicht vollzogen hatten. Für diese mussten Mick Jagger und die Rolling Stones mit diesem Text zwangsläufig wie Teufelsanbeter wirken.

Leider habe ich keine Quellen gefunden, die diese These stützen bzw. widerlegen würden. Allerdings bin ich bei meiner Netzreise auf einige Einträge gestoßen, die diesen Gedanken aufnehmen. Herb Bowie beginnt seinen Eintrag über "Sympathy for the Devil" in seinem Web Book "Reason to Rock" mit folgender Feststellung:
The first thing to be said about this track is how utterly different it is from most rock songs. In a field where compositions are most often about sexual or romantic relationships, with a significant minority about the music itself, or about philosophy, we have here... a first-person narrative from Beelzebub. Lyrically and thematically, the song is in a class by itself.
Für das Publikum war es also nie ein Problem bezüglich der Glaubwürdigkeit eines Künstlers, wenn dieser Künstler über seine vermeintlichen Romanzen und seine sexuellen Eroberungen sang. Anscheinend führte die Übertragung dieser rhetorischen Struktur auf die "dunkle Seite" jedoch zu großer Verwirrung und letztlich dazu, dass die Gerüchteküche zu brodeln begann - und dies noch bis zum heutigen Tage.

Und nach einigen Sprüngen von Interpretationsebene zu Interpetationsebene kommt auch Herb Bowie letztendlich zu einem rational-distanzierten Ergebnis, welches in ähnlicher Form auch in unserem Seminar bereits angeklungen ist:
(…) Jagger seems to be using the devil as a symbol, a personification of evil, and of how it works in the world. What the words seem to be saying is that there is evil in the world, and we need to be on our guard, because evil will not always appear as such, and may often be disguised by those who would wish to deceive us. (…) Jagger has sometimes become known as a poseur, acting jaded and decadent for the sheer amusement of it; here, though, his artifice certainly serves a higher aesthetic purpose.
Anscheinend sind die Stones selbst über die Jahre auch enerviert, dass sie immer noch auf die Aussage des Textes angesprochen werden. Somit haben sie des öfteren in der Vergangenheit Vorwürfe abgewiegelt, sie hätten sich mit diesem Song in die Nähe der Curch of Satan (oder auch hier thematisiert) gebracht. Ich möchte diesen Blogbeitrag an dieser Stelle mit zwei Zitaten aus einer kleinen Zitatsammlung zum Song beschließen, welche auf einer Stones-Fansite mit dem inhaltsvollen Namen "Time is on our Side" gesammelt wurden:
(We took the subject of the devil seriously) for the duration of the song. That's what those things are about. It's like acting in a movie: you try to act out the scene as believably as possible, whether you believe it or not. That's called GOOD ACTING. You have to remember, when somebody writes a song, it's not entirely autobiographical... Sympathy for the Devil was pretty... ah, well, it's just one song, as I said. Hell, you know, I neve really did the subject to death. But I DID have to back off a little, because I could see what was happening. It's an easily exploitable image, and people really went for it in a big way.

Mick Jagger, 1987
Und Keith Richards, im Fahrwasser der jüngeren amerikanischen Geschichte, setzt noch eins drauf:
Sympathy is quite an uplifting song. It's just a matter of looking (the Devil) in the face. He's there all the time. I've had very close contact with Lucifer - I've met him several times. Evil - people tend to bury it and hope it sorts itself out and doesn't rear its ugly head. Sympathy for the Devil is just as appropriate now, with 9/11. There it is again, big time. When that song was written, it was a time of turmoil. It was the first sort of international chaos since World War II. And confusion is not the ally of peace and love. You want to think the world is perfect. Everybody gets sucked into that. And as America has found out to its dismay, you can't hide. You might as well accept the fact that evil is there and deal with it any way you can. Sympathy for the Devil is a song that says, Don't forget him. If you confront him, then he's out of a job.

Keith Richards, 2002

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