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Dienstag, 10. Februar 2009

Herb Bowies Analyse zum "Lyrischen Ich"

Ich habe bereits schon in einem früheren Beitrag aus Herb Bowies Analyse zu "Sympathy for the Devil" zitiert und an jener Stelle bereits auch einige Gedanken zum "Lyrischen Ich" entwickelt.

Aber auch nach diversen Wochen des Surfen über Internetseiten, die sich mit "Sympathy" beschäftigen, bin ich auf keine vergleichbare Quelle gestoßen, die sich so sehr mit der eigentlichen Analyse des Stones-Songs beschäftigt. Die meisten anderen benutzen den Song, um über die dazu existierenden Remakes zu sprechen, ihn mit anderen Songs der Stones zu vergleichen oder (meist aus christlicher Sicht) mit dem Song eine Debatte über das Teuflische in der Rockmusik zu eröffnen. Herb Bowie jedoch nicht. Er schenkt dem Song als solchen seine gesamte Aufmerksamkeit.

Daher möchte ich mich mit diesem Blogbeitrag dem Kern meiner ursprünglichen Intention widmen: im großen Rauschen des WWW Spuren zu finden von Menschen, denen dieser Song anscheinend etwas bedeutet. Und Herb Bowie scheint genau ein solcher zu sein. Er bezeichnet sich selbst auf seiner Homepage als Autor, Software-Entwickler und "organisational leader"(?!), der sich über Themen aus den Feldern Softwareentwicklung, kulturelle Entwicklungen, Philosophy und Ästhetik.

Herb Bowie scheint "Sympathy for the Devil" so viel zu bedeuten, dass er den Song auswählt, um ihn in seinem selbst erstellten Web-Book "Reason to Rock" als einen von 19 handgepickten Blues- und Rocksongs (von Robert Johnson [1936] bis Bob Seger [1976]) zu analysieren. Und das finde ich erwähnenswert. Denn wenn man sich alleine schon die schiere Menge an Pop- und Rocksongs zwischen 1936 und 1976 versucht vorzustellen, dann muss man zwangsläufig daraus schließen, dass die von Bowie ausgewählten 19 Songs dem Autor wirklich etwas zu bedeuten scheinen.

Und Bowie hat anscheinend mehr begriffen, als viele andere Wortakrobaten des Internets. Gleich im ersten Absatz seines Textes weißt er darauf hin, dass wir es bei "Sympathy for the Devil" mit einer Ich-Erzählung zu tun haben, namentlich dem Teufel persönlich. Dies scheint als Fakt oftmals in der Rezeption der Rolling Stones als Band und insbesondere der Geschichte des Songs vergessen worden zu sein. Gerade in der Argumentation der christlichen Konservativen wird dieser literarische Kniff beflissentlich übersehen und der/die Musiker monokausal-linear mit den Inhalten ihrer Songs zusammen gedacht: so betont Herb Bowie, dass nicht Mick Jagger der Teufel ist, sondern das Lyrische Ich des Songs. Was in der Literatur ein längst akzeptiertes Stilmittel ist, hat heute immer noch Schwierigkeiten in der Popmusik auf reflektierende Akzeptanz zu stoßen (das jüngste Beispiel des Rap mit dem diesem immer unterstellten Authentizitätsdiskurs macht es offensichtlich). Wobei die Kenntnis über die Mittel und die Akzeptanz vielleicht doch weit verbreitet ist, die Trennung der beiden Positionen "Autor - Lyrisches Ich" aber gerne unbemerkt über Bord geworfen wird, wenn es der eigenen Argumentation hilft.

Ausgehend von dieser Separierung als Stilmittel, liegt für Herb Bowie die Essenz des Songs dann auch in der Frage, inwiefern sich Gut und Böse, Wirklichkeit und Realität voneinander trennen lassen. Mick Jagger als Songwriter der Rolling Stones bemüht sich redlich über die Personifizierung des Teufels als "Lyrisches Ich" die Wahrnehmung und Identifikation des Hörers zu lenken. Diesem soll - so Bowie - auf diesem Weg die Erkenntnis nahegelegt werde, dass sich das Böse in der Welt befindet und es überall und in jedem stecken kann:
Instead Jagger seems to be using the devil as a symbol, a personification of evil, and of how it works in the world. What the words seem to be saying is that there is evil in the world, and we need to be on our guard, because evil will not always appear as such, and may often be disguised by those who would wish to deceive us.
Im weiteren Verlauf seines Artikels versucht Herb Bowie zu belegen, dass die Musik die Aussage des Textes in seiner Darbietung nicht nur passend untermalt, sondern dass die Instrumentierung des Songs und der sich entwickelnde Verlauf des Songs die von ihm beschriebene Wirkung erst ermöglicht. Abgesehen von dem stetig sich steigernden instrumentalen Aufbau des Songs (was ihn von den klassischen Rondobögen der Strophe-Refrain-Popsongs unterscheidet), legt Herb Bowie viel Wert auf die Analyse von Mick Jaggers Gesangskünsten:
Jagger howls in the background, his voice altered electronically to sound more bestial, and echoing in the distance, adding to the threatening impression of being in a dark jungle. The howls are followed by grunts, now sounding human, but primitive.


(…) The music perfectly mirrors the anarchy portrayed in Jagger's lyrics, as he describes the overthrow of the tzars and the blitzkrieg. At the same time, Jagger's voice becomes less controlled, singing, shouting now, although still showing perfect enunciation on words like "stank."


On the third verse we pick up background vocals singing high-pitched "whoo, whoo"s at the end of each line. The vocals are almost childishly simple, yet effective, adding a ghost-like refrain to the continuing rhythmic churning of the instruments. Jagger's vocals are strained now, cracking with emotion on nearly every word.


(…) Richards' guitar and Jaggers vocals play off of one another, echoing, slyly mimicking each other. Jagger begins singing fragments from the song in a scratchy falsetto. Chaos reigns, with Jagger repeatedly taunting, "Can you guess my name?"
Schon 1968 verhalfen - der Technik sei Dank - Hall und Delay den Rocksongs nicht nur zu mehr Volumen in den Aufnahmen, sondern in Verbindung mit dem kontrollierten, experimentellen Einsatz der Gesangsstimme erweiterten sie diese zu einem künstlichen Raum, der richtig eingesetzt psychoakustische Effekte in sich trug. Somit kann man schon wieder nachvollziehen, dass einige Hörer die bemüht atmosphärische Inszenierung der Stimme Jaggers als Bindeglied zwischen dem Künstler und dem "Lyrischen Ich" in ihrem Kopf zu einer Person zusammenführten. Mit diese Interpretation werden wohl auch die Künstler selbst gespielt haben, schaut man sich die Covergestaltung der folgenden Rolling Stones-Alben genauer an, wie wir es im Seminar getan haben. Im Zweifelsfall, wenn wieder ein Verrückter durchdreht und alle dafür einen Buhmann suchen, kann man ja als Künstler immer noch die Notbremse ziehen und sagen, dass es nicht so gemeint war... es ist und bleibt ein Spiel mit dem Feuer, war aber schon immer eine gute PR-Strategie.

Montag, 19. Januar 2009

Kein Engel für Mick

Ich bin beim Stöbern im Internet auf das Webforum des Internetradioanbieters Radio Paradise gestoßen. Dort wurden in den letzten drei Jahren 49 Kommentare zum Stones-Song "Saint of Me" gepostet, der auf der Station zum letzten Mal am 28. August 2005 gespielt wurde. Der Song "Saint of Me" ist von dem 1997 veröffentlichten Rolling Stones-Album "Bridges to Babylon".

Hier erst einmal das Video zum Song:


The Rolling Stones - Saint Of Me - MyVideo

Und weil es so schön und nützlich ist, hier gleich die Lyrics hinterher:

Saint Of Me
(jagger/richards)

Saint paul the persecutor
Was a cruel and sinful man
Jesus hit him with a blinding light
And then his life began
I said yeah
I said yeah

Augustin knew temptation
He loved women, wine and song
And all the special pleasures
Of doing something wrong
I said yeah
I said yeah

I said yeah, oh yeah, oh yeah
Youll never make a saint of me
Oh yeah, oh yeah
Youll never make a saint of me

And could you stand the torture
And could you stand the pain
Could you put your faith in jesus
When youre burning in the flames

And I do believe in miracles
And I want to save my soul
And I know that Im a sinner
Im gonna die here in the cold
I said yes, I said yeah

I said yeah, oh yeah, oh yeah
Youll never make a saint of me
Oh yeah, oh yeah
Youll never make a saint of me
Oh yeah, oh yeah
Youll never make a saint of me
Oh yeah, oh yeah
Youll never make a saint of me

I thought I heard an angel cry
I thought I saw a teardrop falling from his eye

John the baptist was a martyr
But he stirred up herods hate
And salome got her wish
To have him served up on a plate
I said yes
I said yeah

I said yeah, oh yeah, oh yeah
Youll never make a saint of me
Oh yeah, oh yeah
Youll never make a saint of me
Oh yeah, oh yeah
Youll never make a saint of me
Oh yeah, oh yeah
Youll never make a saint of me

I thought I heard an angel cry
I thought I saw a teardrop falling from his eye
I thought I saw an angel cry

Youll never make a saint of me
Youll never make a saint of me

So weit, so gut. Auch bei diesem Song muss man Mick Jagger eine gewisse, humanistisch gebildete Bibelstabilität anerkennen. Aber zurück zu den Fans: Am 18. Februar 2005 um 11:15 Uhr schrieb "dkwalika" folgenden Beitrag in den Thread zu "Saint of Me" im Forum von Radio Paradise:

[…] this song is the anti-Sympathy. Think "Yeah, Oh Yeah" vs. "Whoo-hoo" in Sympathy for the Devil. […]

Anscheinend entlockt dieser Song dem einen oder anderen Stones-Fan die Assoziation zu "Sympathy for the Devil". Im Intro hören wir eine Orgel… eine ORGEL?! War es nicht eine Orgel, die bei "Sympathy for the Devil" im Laufe von Godards "One plus One" dem etwas rhythmischer gespielten Klavier weichen musste? Dann beginnt die Rhythmus-Sektion inklusive Schellenring, dass man meinen könnte, der zugedröhnte Brian Jones stünde wieder an den Maracas. Aber was sich 1968 in einen furiosen Sambagroove entwickelt, findet 1997 zurück in die Ursprünglichkeit der modernen Rockmusik: den Blues.

Und immer wieder diese Bilder: Wer ist denn dieser blonde Engel mit dem verschmierten Kayal? Bei Pilatus waren es noch die Hände, die in Unschuld gewaschen wurden. Hier werden die Füße der Dame benetzt, was eine schwüle Erotik ausschwitzt, fast so schlimm, wie eine Fußmassage. Und warum, zur Hölle, stehen die Rolling Stones die ganze Zeit in einem abgewrackten Waschraum. Würde die Kamera nur einen 90-Grad-Schwenk machen, vermutlich käme das Klo vom "Beggars Banquet"-Cover ins Bild. Und dann dieses Abendmahl-Motiv - zeig' mir bitte noch einmal das Innencover von "Beggars Banquet"! Und am Ende zieht ein schwarzer Engel wie ein Geier seine Kreise vor einem Nachtclub namens "Erlösung". Oh mann, so stelle ich mir den Vorraum der Hölle vor…

Nun gut. Nachdem im Forums-Thread noch ein paar Beiträge über die tollen Fähigkeiten und die "engelsgleiche" Person von Charlie Watts plätschern und ob der Song nicht ein wenig zu sehr nach INXS klänge (??!), schreibt "noetic" am 30. Juni 2005 um 16:52 Uhr noch folgendes:

YET, I can't help but wonder why Sympathy of the Devil seems to reflect more personal passion?

Tja, warum klingt "Sympathy of the Devil" denn bloß so leidenschaftlich im Vergleich zu "Saint of Me"? Weil die Stones einfach älter geworden sind und Mick Jagger nicht mehr so Jungspund-mäßig über die Bühne hüpft und zappelt? Weil die sie mittlerweile zu Millionären geworden sind? - ODER WEIL DIE ROLLING STONES EINFACH "EVIL" SIND UND VOR JAHREN SCHON DEM TEUFEL IHRE SEELE VERKAUFT HABEN?

Naja, alle außer Charlie, denn der hat ja schon drei Engel…

Freitag, 9. Januar 2009

Just another Cover Song? - Der Fatboy Slim Remix

Was haben wir denn da? Im Laufe des Semesters sind wir immer wieder auf Cover-Versionen von "Sympathy for the Devil" gestoßen. Einige davon haben wir im Seminar angesprochen (Guns N' Roses, Jane's Addiction, Laibach …), andere wurden bereits von einigen meiner Kommilitonen in ihren Weblogs angeführt (The Neptunes).

Eine Version ist uns dabei allerdings bisher durch die Lappen gegangen: Im Jahre 2003 veröffentlichte der Beatbastler Norman Cook alias Fatboy Slim seine Version des Songs. Diese Version unterscheidet sich von den meisten anderen Versionen meines Erachtens darin, dass es keine Cover-Version ist, sondern ein Remix (am ehesten vergleichbar mit der Version von den Neptunes), da nicht eine andere Band sich des Songs "Sympathy for the Devil" bedient, sondern die Rolling Stones hier "in persona" performen.



(hier noch ein Link zu einer besseren Bildqualität, leider ließ sich dieser Film nicht an dieser Stelle einbetten)

Schaut man sich das Video an, so stellt sich auf den ersten Blick die Frage, wo hier der Remix sein soll. Norman Cooks Version von 2003 klingt verdächtig wie das Original der Rolling Stones aus dem Jahre 1968. Erst beim genaueren Hinhören und im direkten Vergleich schimmern die dezenten Unterschiede durch.

Auf der Tonspur geschieht kaum neues, dafür wurde aber "unter der Haube" geschraubt. Cook hat zum einen die Rhythmusspur ergänzt und gestrafft, dass der nun quantisierte Groove mixbar und Tanzflächen-kompatibel wurde. Weiterhin hat er einige Breaks und Drum-Fill-Ins neu eingeflochten. Zum anderen hat er einige Parts des Songs überarbeitet und ein paar Sounds neu eingespielt (diverse Synthesizerklänge und das Honky Tonk-Klavier zum Ende), als auch Keith Richards' Gitarrensolo gecuttet.

Viel ergiebiger als den Remix selbst finde ich jedoch das zu Norman Cooks Remix produzierte Video. Ich möchte im Rahmen dieses Blogbeitrags auf ein paar Elemente aufmerksam machen, die mich dazu bringen die These aufzustellen, dass wir es hier besonders auf der Bildebene mit einer interessanten Verschränkung von Diskursen zu tun haben: Einer Verzahnung des historisch-politischen und des popkulturell-ästhetischen Diskurses, welche in der Bildpräsenz der Rolling Stones ihre selbstbestimmte Manifestation finden.

Zur historisch-politischen Ebene: Was mir sofort bei der ersten Sichtung auffiel: das Video beinhaltet eine Menge Bildmaterial, was die Rolling Stones live zeigt. Vielleicht erkennt es der eine oder die andere wieder?! Es ist das Bildmaterial aus "Live at The Rock'n'Roll Circus" von 1968, über welches ich in diesem Blog vor zwei Einträgen geschrieben habe. Wir haben es hier also mit authentischem Stones-Bildmaterial zu tun, das so geschickt an die Tonspur angelegt wurde, dass der Eindruck von Synchronität entsteht. Beeindruckend, wenn man davon ausgeht, dass nicht die mittelmäßige Qualität der BBC-Tonspur die Grundlage für Norman Cooks Remix gewesen sein wird.

In welchem Detail steckt der Teufel hier? Nun ja, er versteckt sich quasi im Kleingedruckten. Politische Inhalte finden sich sowohl in den Überschriften der eingeblendeten Zeitungsausschnitte, als auch in den kurzen Filmsequenzen und Fotoeinblendungen (Vietnam, Napalm-Abwurf, das Kennedy-Attentat, die Zarenfamilie, Randale auf einer Konzertbühne).

Aber was - um Himmels willen - sind das für Überschriften?! Das, was im laufenden Video wie eine Sammlung zeitgenössischer Zeitungsartikel zur Untermauerung des Textzeilen wirkt, entwickelt beim Versuch des genauen Lesens eine ganz eigene Dimension. Ich konnte leider nicht alle Überschriften entziffern, aber hier eine Auswahl - Wikipedia und Google helfen, denn dies ist keine Magisterarbeit, sondern ein Blogeintrag, verdammt!!!

  • Poll: 91.5 % Of Soldiers Say Bodies Stank
  • Eyewitness: It Was Statan's Geat Ball
  • Extraction Of The Seventh Proof

… so weit, so gut. Aber dann …


… und wieder zurück zum Thema …

  • Accident At Griboyedov
  • News From Yalta
  • The Appearance Of The Hero (mit Foto von JFK)
  • Supporters Hail Dawn New Era
  • 'We Have Returned The Future To It's Rightful Owners'

… aber jetzt wird's wild …

  • The Execution of Pontius Pilatus - Govenor's Death Televised Worldwide
  • Notorious Roman Puppet Pays Ultimate Price
  • Refusal To Protect Jesus Leads To Crucification

… ??! …

  • The Burial Of The Evil Poet
  • The Day Without Peace - Warfare Erupts Around The World
  • No Nations Safe From Attack
  • Clash Over Alien Crash Site
  • City Empties As Bombs Fall
  • The Fate Of The Behemoth Is Determined
  • Security Council Votes For Immedite Strike Against Leviathan

… um es am Ende endgültig klar zu machen:

  • Officials Deny 'Doomsday' Leaks
  • Vote Sparks Riot Looting Around The Globe
  • 'The End Is Near' Says Vatican
Yep, das Ende ist nah!!! Weekly World News hätte es nicht besser schreiben können. Fact or Fiction - Hier mischt sich alles in Windeseile und man hat kaum Zeit zu lesen, was die dokumentarischen Medien hier alles behaupten. Es wird schon stimmen…

Zur ästhetischen Ebene: Das Bildmaterial wurde bearbeitet. Die Farbwerte der Bilder werden kontinuierlich im Ablauf manipuliert. Das Originalmaterial wird entfärbt, monochrom eingefärbt oder an den Chromawerten herumgespielt, so dass eine psychedelische Farbskala erreicht wird. Freezeframes werden eingebaut, die einzelnen Musiker aus dem Bildzusammenhang extrahiert und mit fremden Bildelementen rekontextualisiert. Das alles geschieht in der 2003 popkulturell vorherrschenden, vektorbasierten "Macromedia Flash"-Ästhetik, wie wir sie mittlerweile auf jedem zweiten Bandplakat und auch auf Myspace finden.

Kollagiert werden die Stills bzw. Snippets des Stonesauftritts von '68 mit assoziativen ikonografischen Elementen, deren Tiefe zugunsten einer zweidimensionalen, einfarbigen Darstellung reduziert wurde und die die entsprechenden Textstellen in Mick Jaggers Text illustrieren. Eine neue, virtuelle Raumtiefe wird durch die immer wieder eingeblendeten, psychedelisch angehauchten "Bildschirmschoner"-Vektorfahrten erzeugt, die die "Ereignisse" im Video quasi wie auf einer Perlenschnur rhythmisch verbinden. Die darin vertikalen großflächigen Punktrasterungen des ursprünglichen Bildmaterials lassen einen die Medialität der Bilder spüren, in der am Ende des Songs die Rolling Stones implodieren.

Zusammenfassend bin ich der Meinung, dass die Rolling Stones mit diesem Remix in zwei Dimensionen "erweitert" werden, ohne dass sie selbst noch etwas aktiv dazu beigetragen hätten: sie werden mit Hilfe dieses Videos sowohl bildästhetisch, als auch klanglich aus dem Jahre 1968 auf den Pop-Diskurs von 2003 aktualisiert und gleichzeitig politisch-historisch mit dem zugrunde liegenden Filmmaterial und den vermeintlich dokumentarischen Zeitungsausschnitten temporal fixiert. Eine Zeitspanne von über 40 Jahren wird überbrückt, und die Rolling Stones erscheinen 2003 in dieser Darstellung genauso hip, wie die Strokes oder eine x-beliebige andere zeitgenössische Garagenrockband. Man sollte hierbei jedoch nicht "hip" mit "zeitlos" verwechseln.

Somit vergrößert der Remix und sein Videoclip die (ich nenne es einmal) Aura der Rolling Stones. Um ein Bild für diese gedankliche Bewegung zu bringen und meine These ein wenig auf die Spitze zu treiben: Die Rolling Stones werden mit diesem Remix "aufgeblasen" und ihre Rolle in der Popgeschichte wird zu ihren Gunsten verschoben. Sie ähneln mit dieser Überdimensioniertheit ihrer 40-jährigen Dauerhipness ein wenig dem Marshmellow-Mann in Ghostbusters, denn ihr Mythos bekommt dadurch etwas monströses.

Aber wenn die Rolling Stones im Pop-Diskurs mittlerweile die Physis des Marshmellow-Mann angenommen haben sollten, dann finden wir vielleicht auch dort Hinweise, wo das Dämonische in den Rolling Stones steckt und wie wir diesem zu Leibe rücken können... Entschuldigung, das war ein Witz.

Donnerstag, 11. Dezember 2008

Live at The Rock'n'Roll Circus 1968


Am 11. Dezember 1968 fand in London der „Rolling Stones' Rock and Roll Circus“ statt. Es handelte sich dabei um eine Show, die ursprünglich für eine Fernsehausstrahlung der britischen BBC aufgezeichnet wurde. Zum R&R-Circus luden die Stones u. a. John Lennon, The Who, Jethro Tull und Taj Mahal ein. Die Aufzeichnung (mit Feuerschlucker und Artisten) wurde nicht im Fernsehen gezeigt, da die Stones der Meinung waren, dass ihr Auftritt gegenüber der Show von The Who deutlich schwächer ausfiel. 1995 wurde der „Rolling Stones-Rock and Roll-Circus“ als Video (und auch als CD) sowie im Jahre 2004 als DVD veröffentlicht.

Auf YouTube kursiert ein Mitschnitt des Stones-Auftrittes. Netterweise ist es der Song "Sympathy for the Devil", welcher auch der letzte offizielle Song der gesamten Show war, bevor sich alle Musiker noch einmal zu einem gemeinsamen Finale auf der Bühne versammelten.



Ob der Auftritt der frisch von einer Tournee zurückgekehrten The Who nun wirklich den Gastgebern die Show stahlen, sei dahin gestellt. Die Meinungen diesbezüglich gehen in den Internetforen auseinander. Fakt scheint jedoch, dass die Rolling Stones als Hauptband des Abends erst um drei Uhr nachts auf die Bühne kamen, was das verquarzte Mienenspiel der Bandmitglieder zu einem großen Teil erklären dürfte. Allerdings ist nicht von der Hand zu weisen, dass Brian Jones auch hier wieder einmal total zugedröhnt wirkt. Sein recht dezenter Auftritt an den Maracas sollte dann auch der letzte öffentliche Konzertauftritt mit den Rolling Stones sein. Am 9. Juni 1969 gab er offiziell seine Trennung von der Band bekannt.

Genug Geschichte. Der weitere Verlauf dieses Blogeintrags widmet sich der obigen YouTube-Aufzeichnung. An dieser Stelle möchte ich noch einmal ein Zitat aus Herb Bowie's "Reason to Rock" bringen, welches schon in meinem letzten Blogbeitrag Erwähnung fand:

Jagger has sometimes become known as a poseur, acting jaded and decadent for the sheer amusement of it; here, though, his artifice certainly serves a higher aesthetic purpose.

Bis zur fünften Minute sehen wir Altbekanntes. Mick Jagger's Lippen und Augen sind geschminkt, seine energetische Performance quasi business as usual. Doch dann bricht wortwörtlich die Hölle los. Jagger's Gesang verebbt in Satzfragmenten, Hall kommt auf seine Stimme und sein "Who-hoo" würde sogar Michael Jackson erblassen lassen. Die vielen weiteren Parallelen dieser beiden Videos, von der "Windmühle" à la Pete Townshend bis zum Shirt-Rip, lasse ich jetzt einmal bewusst unkommentiert.

Ja, der Shirt-Rip. Jaggers Verhältnis zur Kamera intensiviert sich spürbar. Er windet sich auf dem Catwalk, kniend schlägt er seine Handflächen auf den Boden, klatscht in die Hände. Die Gitarre nimmt sich zurück und langsam, ganz langsam zieht Jagger sein Shirt aus... und da: TEUFELSTÄTOWIERUNGEN!!! Die Choreografie der Kamera ist präzise, hektisch geht der Zoom ran, die Unschärfe des Privaten. Sie klebt an Jaggers sehnigem Oberkörper und an seinen Oberarmen. Teufel auch!

Und während dessen dreht das Publikum vollkommen durch. Sie springen und tanzen, werfen ihre Hände in die Luft. Der Gospelchor neben den Bühnenrändern, das Publikum in seinen selbstgebastelten Ponchos und Umhängen tanzt sich in Trance. Es geht ab! Der absolute Voodoo.

Jagger kommt wieder zu sich. "What's my name?" fragt er mit dem Finger drohend in die Kamera. Auch Michael Jackson kommt zurück. Mick tanzt und klatscht in die Hände. Doch dann beginnt die Musik der Band langsam zu bröseln. Jagger hebt ein Tuch auf und schlingt es sich um den Kopf. Er geht zur Kamera, das Mikro liegt am Boden und... WAS IST DAS?! Seine Lippen bewegen sich überdimensional vor der Linse und man kann nichts hören. Aber was sagt er da? "Swindle! Swindle! Swindle!" ??? Ich kann es nicht hören. Wer kann es mir sagen? Ist das etwa "The Great Rock'n'Roll Swindle", der vielleicht fälschlicher Weise Jahre später einem gewissen Malcolm McLaren in die Schuhe geschoben wurde?

Wer schwindelt hier eigentlich?!
Wessen "Sprachrohr" ist Mick Jagger?


Nachtrag: Auf den halbseidenen Nebenpfaden des World Wide Web lässt sich auch ein Teaserstream der Show mit der Downloadoption für die gesamte Show für den ipod finden. Ein Spaß für all jene, die die Zeit und Kraft haben, sich die gesamten 1:05:30 im Hanuta-Format zu geben. Viel Spaß.

Sonntag, 23. November 2008

Wer - zur Hölle - ist hier eigentlich der Teufel?

Dieser Blogeintrag widmet sich der Frage, wer hier überhaupt der Teufel ist, von dem Mick Jagger in seinem Text spricht. Dafür möchte ich an Velkos Blogeintrag vom 18.11.2008 anknüpfen. Wenn ich ihn richtig verstanden habe, hat Velko einfach mal versucht die klassische Interpretation, dass der Teufel das Lied singt, zugunsten einer historisch real existierenden Person zu wechseln (z.B. Lee Harvey Oswald, Joseph Goebbels oder dem Mitglied einer Verschwörung den Text in den Mund zu legen).

Spinnt man den Gedanken weiter, so nimmt Mick Jagger als Sänger der Rolling Stones und Autor des Songtextes quasi lediglich die Rolle des Mediums ein und die Rolle des Teufels steht zur Disposition.

Dieser "Perspektivwechsel" erinnert mich an ein Gespräch mit einem Arbeitskollegen, dem ich von diesem Seminar erzählt habe. Er erzählte mir - als ehemaliger Musikjournalist mit starker Affinität zur Rockmusik -, dass vor dem Aufkommen der Rockmusik im musikalischen Universum die literarische Form des Lyrischen Ichs nahezu gar nicht ausgeprägt war. Je weiter man sich von einer rollenorientierten Darstellung (vgl. Theater, Oper, …) entfernte, desto stärker liefen die Darstellenden Gefahr, dass die Zuhörer das, was die Künstler präsentierten mit der Person des Künstlers identifizierten. Anscheinend gab es in den 60er Jahren nicht wenige Zuhörer, welche die Texte der Musiker als autobiografisch wahrnahmen und die Übertragung des Konzeptes "Lyrisches Ich" in die Texte der Rock- und Popmusik noch nicht vollzogen hatten. Für diese mussten Mick Jagger und die Rolling Stones mit diesem Text zwangsläufig wie Teufelsanbeter wirken.

Leider habe ich keine Quellen gefunden, die diese These stützen bzw. widerlegen würden. Allerdings bin ich bei meiner Netzreise auf einige Einträge gestoßen, die diesen Gedanken aufnehmen. Herb Bowie beginnt seinen Eintrag über "Sympathy for the Devil" in seinem Web Book "Reason to Rock" mit folgender Feststellung:
The first thing to be said about this track is how utterly different it is from most rock songs. In a field where compositions are most often about sexual or romantic relationships, with a significant minority about the music itself, or about philosophy, we have here... a first-person narrative from Beelzebub. Lyrically and thematically, the song is in a class by itself.
Für das Publikum war es also nie ein Problem bezüglich der Glaubwürdigkeit eines Künstlers, wenn dieser Künstler über seine vermeintlichen Romanzen und seine sexuellen Eroberungen sang. Anscheinend führte die Übertragung dieser rhetorischen Struktur auf die "dunkle Seite" jedoch zu großer Verwirrung und letztlich dazu, dass die Gerüchteküche zu brodeln begann - und dies noch bis zum heutigen Tage.

Und nach einigen Sprüngen von Interpretationsebene zu Interpetationsebene kommt auch Herb Bowie letztendlich zu einem rational-distanzierten Ergebnis, welches in ähnlicher Form auch in unserem Seminar bereits angeklungen ist:
(…) Jagger seems to be using the devil as a symbol, a personification of evil, and of how it works in the world. What the words seem to be saying is that there is evil in the world, and we need to be on our guard, because evil will not always appear as such, and may often be disguised by those who would wish to deceive us. (…) Jagger has sometimes become known as a poseur, acting jaded and decadent for the sheer amusement of it; here, though, his artifice certainly serves a higher aesthetic purpose.
Anscheinend sind die Stones selbst über die Jahre auch enerviert, dass sie immer noch auf die Aussage des Textes angesprochen werden. Somit haben sie des öfteren in der Vergangenheit Vorwürfe abgewiegelt, sie hätten sich mit diesem Song in die Nähe der Curch of Satan (oder auch hier thematisiert) gebracht. Ich möchte diesen Blogbeitrag an dieser Stelle mit zwei Zitaten aus einer kleinen Zitatsammlung zum Song beschließen, welche auf einer Stones-Fansite mit dem inhaltsvollen Namen "Time is on our Side" gesammelt wurden:
(We took the subject of the devil seriously) for the duration of the song. That's what those things are about. It's like acting in a movie: you try to act out the scene as believably as possible, whether you believe it or not. That's called GOOD ACTING. You have to remember, when somebody writes a song, it's not entirely autobiographical... Sympathy for the Devil was pretty... ah, well, it's just one song, as I said. Hell, you know, I neve really did the subject to death. But I DID have to back off a little, because I could see what was happening. It's an easily exploitable image, and people really went for it in a big way.

Mick Jagger, 1987
Und Keith Richards, im Fahrwasser der jüngeren amerikanischen Geschichte, setzt noch eins drauf:
Sympathy is quite an uplifting song. It's just a matter of looking (the Devil) in the face. He's there all the time. I've had very close contact with Lucifer - I've met him several times. Evil - people tend to bury it and hope it sorts itself out and doesn't rear its ugly head. Sympathy for the Devil is just as appropriate now, with 9/11. There it is again, big time. When that song was written, it was a time of turmoil. It was the first sort of international chaos since World War II. And confusion is not the ally of peace and love. You want to think the world is perfect. Everybody gets sucked into that. And as America has found out to its dismay, you can't hide. You might as well accept the fact that evil is there and deal with it any way you can. Sympathy for the Devil is a song that says, Don't forget him. If you confront him, then he's out of a job.

Keith Richards, 2002