Dienstag, 10. Februar 2009

Herb Bowies Analyse zum "Lyrischen Ich"

Ich habe bereits schon in einem früheren Beitrag aus Herb Bowies Analyse zu "Sympathy for the Devil" zitiert und an jener Stelle bereits auch einige Gedanken zum "Lyrischen Ich" entwickelt.

Aber auch nach diversen Wochen des Surfen über Internetseiten, die sich mit "Sympathy" beschäftigen, bin ich auf keine vergleichbare Quelle gestoßen, die sich so sehr mit der eigentlichen Analyse des Stones-Songs beschäftigt. Die meisten anderen benutzen den Song, um über die dazu existierenden Remakes zu sprechen, ihn mit anderen Songs der Stones zu vergleichen oder (meist aus christlicher Sicht) mit dem Song eine Debatte über das Teuflische in der Rockmusik zu eröffnen. Herb Bowie jedoch nicht. Er schenkt dem Song als solchen seine gesamte Aufmerksamkeit.

Daher möchte ich mich mit diesem Blogbeitrag dem Kern meiner ursprünglichen Intention widmen: im großen Rauschen des WWW Spuren zu finden von Menschen, denen dieser Song anscheinend etwas bedeutet. Und Herb Bowie scheint genau ein solcher zu sein. Er bezeichnet sich selbst auf seiner Homepage als Autor, Software-Entwickler und "organisational leader"(?!), der sich über Themen aus den Feldern Softwareentwicklung, kulturelle Entwicklungen, Philosophy und Ästhetik.

Herb Bowie scheint "Sympathy for the Devil" so viel zu bedeuten, dass er den Song auswählt, um ihn in seinem selbst erstellten Web-Book "Reason to Rock" als einen von 19 handgepickten Blues- und Rocksongs (von Robert Johnson [1936] bis Bob Seger [1976]) zu analysieren. Und das finde ich erwähnenswert. Denn wenn man sich alleine schon die schiere Menge an Pop- und Rocksongs zwischen 1936 und 1976 versucht vorzustellen, dann muss man zwangsläufig daraus schließen, dass die von Bowie ausgewählten 19 Songs dem Autor wirklich etwas zu bedeuten scheinen.

Und Bowie hat anscheinend mehr begriffen, als viele andere Wortakrobaten des Internets. Gleich im ersten Absatz seines Textes weißt er darauf hin, dass wir es bei "Sympathy for the Devil" mit einer Ich-Erzählung zu tun haben, namentlich dem Teufel persönlich. Dies scheint als Fakt oftmals in der Rezeption der Rolling Stones als Band und insbesondere der Geschichte des Songs vergessen worden zu sein. Gerade in der Argumentation der christlichen Konservativen wird dieser literarische Kniff beflissentlich übersehen und der/die Musiker monokausal-linear mit den Inhalten ihrer Songs zusammen gedacht: so betont Herb Bowie, dass nicht Mick Jagger der Teufel ist, sondern das Lyrische Ich des Songs. Was in der Literatur ein längst akzeptiertes Stilmittel ist, hat heute immer noch Schwierigkeiten in der Popmusik auf reflektierende Akzeptanz zu stoßen (das jüngste Beispiel des Rap mit dem diesem immer unterstellten Authentizitätsdiskurs macht es offensichtlich). Wobei die Kenntnis über die Mittel und die Akzeptanz vielleicht doch weit verbreitet ist, die Trennung der beiden Positionen "Autor - Lyrisches Ich" aber gerne unbemerkt über Bord geworfen wird, wenn es der eigenen Argumentation hilft.

Ausgehend von dieser Separierung als Stilmittel, liegt für Herb Bowie die Essenz des Songs dann auch in der Frage, inwiefern sich Gut und Böse, Wirklichkeit und Realität voneinander trennen lassen. Mick Jagger als Songwriter der Rolling Stones bemüht sich redlich über die Personifizierung des Teufels als "Lyrisches Ich" die Wahrnehmung und Identifikation des Hörers zu lenken. Diesem soll - so Bowie - auf diesem Weg die Erkenntnis nahegelegt werde, dass sich das Böse in der Welt befindet und es überall und in jedem stecken kann:
Instead Jagger seems to be using the devil as a symbol, a personification of evil, and of how it works in the world. What the words seem to be saying is that there is evil in the world, and we need to be on our guard, because evil will not always appear as such, and may often be disguised by those who would wish to deceive us.
Im weiteren Verlauf seines Artikels versucht Herb Bowie zu belegen, dass die Musik die Aussage des Textes in seiner Darbietung nicht nur passend untermalt, sondern dass die Instrumentierung des Songs und der sich entwickelnde Verlauf des Songs die von ihm beschriebene Wirkung erst ermöglicht. Abgesehen von dem stetig sich steigernden instrumentalen Aufbau des Songs (was ihn von den klassischen Rondobögen der Strophe-Refrain-Popsongs unterscheidet), legt Herb Bowie viel Wert auf die Analyse von Mick Jaggers Gesangskünsten:
Jagger howls in the background, his voice altered electronically to sound more bestial, and echoing in the distance, adding to the threatening impression of being in a dark jungle. The howls are followed by grunts, now sounding human, but primitive.


(…) The music perfectly mirrors the anarchy portrayed in Jagger's lyrics, as he describes the overthrow of the tzars and the blitzkrieg. At the same time, Jagger's voice becomes less controlled, singing, shouting now, although still showing perfect enunciation on words like "stank."


On the third verse we pick up background vocals singing high-pitched "whoo, whoo"s at the end of each line. The vocals are almost childishly simple, yet effective, adding a ghost-like refrain to the continuing rhythmic churning of the instruments. Jagger's vocals are strained now, cracking with emotion on nearly every word.


(…) Richards' guitar and Jaggers vocals play off of one another, echoing, slyly mimicking each other. Jagger begins singing fragments from the song in a scratchy falsetto. Chaos reigns, with Jagger repeatedly taunting, "Can you guess my name?"
Schon 1968 verhalfen - der Technik sei Dank - Hall und Delay den Rocksongs nicht nur zu mehr Volumen in den Aufnahmen, sondern in Verbindung mit dem kontrollierten, experimentellen Einsatz der Gesangsstimme erweiterten sie diese zu einem künstlichen Raum, der richtig eingesetzt psychoakustische Effekte in sich trug. Somit kann man schon wieder nachvollziehen, dass einige Hörer die bemüht atmosphärische Inszenierung der Stimme Jaggers als Bindeglied zwischen dem Künstler und dem "Lyrischen Ich" in ihrem Kopf zu einer Person zusammenführten. Mit diese Interpretation werden wohl auch die Künstler selbst gespielt haben, schaut man sich die Covergestaltung der folgenden Rolling Stones-Alben genauer an, wie wir es im Seminar getan haben. Im Zweifelsfall, wenn wieder ein Verrückter durchdreht und alle dafür einen Buhmann suchen, kann man ja als Künstler immer noch die Notbremse ziehen und sagen, dass es nicht so gemeint war... es ist und bleibt ein Spiel mit dem Feuer, war aber schon immer eine gute PR-Strategie.

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