Interview #3: Hartwig W., Berliner Abiturient des Jahres 1965 ist ein wirklich großer Rolling Stones-Fan. Als ich ihn zum Interview getroffen habe, hatte er einen ganzen Beutel voll mit Stones-Devotionalien dabei, die er während des Interviews Stück für Stück auspackte. Für ihn als Kind des Berliner Nachkriegsbürgertums waren die Rolling Stones eine kontrapunktische Blaupause für das damalige deutsche Alltagsleben.
Auch wenn er anscheinend ein ganz braver Bube war, hat er die gesellschaftliche Situation im Berlin um 1965 schon als Aufbruchstimmung wahrgenommen. Für Hartwig W. scheinen die Rolling Stones zugleich Katalysator als auch Manifestation zu sein, wenn er von der "Alltagsrebellion" spricht, dem Aufruhr gegen die Eltern und die bewusste Abkehr vom bundesrepublikanischen Gestern. Musikalisch und politisch wurden bestehende Grenzen überschritten, die Musik gab den Jugendlichen von damals die Kraft dazu.
In Hartwigs Augen wollten die Rolling Stones immer extraordinär sein, um sich von den übrigen Bands zu unterscheiden. Der mehrfache Imagewechsel diente in seinen Augen größtenteils dazu. Allerdings scheinen die Stones, je tiefer sie sich in Drogen und Geld verloren, auch ihre künstlerische Qualität verloren zu haben. Die schwächste Phase der Rolling Stones sieht Hartwig W. in den 70er Jahren, wo sie entweder ganz verschwunden waren oder halbherzige Soloprojekte machten.
Auch wenn die Rolling Stones sich nie so gezielt in einem politischen Kontext positioniert hatten, wie andere Künstler der Zeit, sieht Hartwig W. in ihrem Wirken dennoch eine politische Message. Das Publikum ist mit den Rolling Stones älter geworden und hat mit ihnen einige politische Phasen durchlebt. Somit ist schwer zu sagen, ob die Stones konservativer wurden, oder die westliche Gesellschaft (z.B. in der neokonservativen Ära von Reagan und Thatcher in den 80er Jahren) und damit auch die Fans wiederum ihren Einfluss auf die Rolling Stones und deren Schaffen ausübten.
Das Politische bei den Rolling Stones ist jedoch in Hartwig W.s Wahnehmung im Laufe der Jahre immer mehr verloren gegangen, so dass die Band ab den 80er Jahren für ihn zum "Botschafter ihres eigenen Werdegangs" wurden. Das mag nachvollziehbar zu sein, den nur wenige Band haben eine ähnlich lang andauernde Karriere zustande gebracht. Jene, die es geschafft haben, werden mittlerweile als unantastbarer Mythos wahrgenommen, genau wie die Rolling Stones. Die Rolling Stones dienen mittlerweile der ersten Fan-Generation als positive Indentifikations- und Kraftquelle für die eigene Biografie, und darin unterscheiden diese sich nicht von den 15-jährigen Teenies und ihrem Verhältnis zu ihren Helden. "Sie haben überlebt" sagt Hartwig W. - und die Fans mit ihnen.
Quellenangaben zum Foto:
Bild 1: The New York Times. Times Topics - Rolling Stones News. Quelle: Bettmann/Corbis
Auch wenn er anscheinend ein ganz braver Bube war, hat er die gesellschaftliche Situation im Berlin um 1965 schon als Aufbruchstimmung wahrgenommen. Für Hartwig W. scheinen die Rolling Stones zugleich Katalysator als auch Manifestation zu sein, wenn er von der "Alltagsrebellion" spricht, dem Aufruhr gegen die Eltern und die bewusste Abkehr vom bundesrepublikanischen Gestern. Musikalisch und politisch wurden bestehende Grenzen überschritten, die Musik gab den Jugendlichen von damals die Kraft dazu.
In Hartwigs Augen wollten die Rolling Stones immer extraordinär sein, um sich von den übrigen Bands zu unterscheiden. Der mehrfache Imagewechsel diente in seinen Augen größtenteils dazu. Allerdings scheinen die Stones, je tiefer sie sich in Drogen und Geld verloren, auch ihre künstlerische Qualität verloren zu haben. Die schwächste Phase der Rolling Stones sieht Hartwig W. in den 70er Jahren, wo sie entweder ganz verschwunden waren oder halbherzige Soloprojekte machten.Auch wenn die Rolling Stones sich nie so gezielt in einem politischen Kontext positioniert hatten, wie andere Künstler der Zeit, sieht Hartwig W. in ihrem Wirken dennoch eine politische Message. Das Publikum ist mit den Rolling Stones älter geworden und hat mit ihnen einige politische Phasen durchlebt. Somit ist schwer zu sagen, ob die Stones konservativer wurden, oder die westliche Gesellschaft (z.B. in der neokonservativen Ära von Reagan und Thatcher in den 80er Jahren) und damit auch die Fans wiederum ihren Einfluss auf die Rolling Stones und deren Schaffen ausübten.
Das Politische bei den Rolling Stones ist jedoch in Hartwig W.s Wahnehmung im Laufe der Jahre immer mehr verloren gegangen, so dass die Band ab den 80er Jahren für ihn zum "Botschafter ihres eigenen Werdegangs" wurden. Das mag nachvollziehbar zu sein, den nur wenige Band haben eine ähnlich lang andauernde Karriere zustande gebracht. Jene, die es geschafft haben, werden mittlerweile als unantastbarer Mythos wahrgenommen, genau wie die Rolling Stones. Die Rolling Stones dienen mittlerweile der ersten Fan-Generation als positive Indentifikations- und Kraftquelle für die eigene Biografie, und darin unterscheiden diese sich nicht von den 15-jährigen Teenies und ihrem Verhältnis zu ihren Helden. "Sie haben überlebt" sagt Hartwig W. - und die Fans mit ihnen.
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Bild 1: The New York Times. Times Topics - Rolling Stones News. Quelle: Bettmann/Corbis

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