Samstag, 21. März 2009

Fazit

Im Rückblick muss ich feststellen, dass mein Unterfangen Personen zu finden, denen der Song "Sympathy for the Devil" etwas bedeutet, nur eingeschränkt von Erfolg gekrönt war.
Es war möglich, Menschen vor mein Mikrofon zu bekommen, die sich aufgrund ihres Alters auch an die Rolling Stones der 60er/70er Jahre erinnern konnten, die sie damals live miterlebt haben und die mir viel über die damalige gesellschaftliche Stimmung erzählen konnten. Jedoch habe ich niemanden getroffen, dem der Song so viel bedeutet hätte, dass er/sie sich im Vorfeld des Interviews so intensiv mit ihm auseinander gesetzt hätte, wie wir es im Seminar getan haben.

Die fünf von mir geführten Interviews zeigen in ihrem Inhalt deutliche Parallelen. Einerseits mag dies dem zentralen Fragenkatalog geschuldet sein, der bei allen Interviewpartnern ähnlich war. Andererseits war die mögliche Menge der Interviewpartner in der gegebenen Zeit nicht gerade üppig, so dass aufgrund des gegebenen akademischen Bildungshintergrunds meiner Gesprächspartner und ihrer tendenziellen Altershomogenität ein repräsentativeres Spektrum nicht möglich schien.

Ich möchte mich an dieser Stelle noch einmal bei allen meinen Interviewpartnern bedanken, dass sie sich die Zeit genommen haben mir Rede und Antwort zu stehen :)

Und wie sieht es denn nun aus im Internet? Welche Spuren hat "Sympathy for the Devil" dort auf den Homepages, in den Internetforen und Datenbanken hinterlassen?

Zuerst einmal kann ich aus tiefsten Herzen sagen, dass "Sympathy for the Devil" definitiv ein Teil des virtuellen Kollektivgedächtnisses geworden ist. Ich habe im Rahmen meiner Recherche allein 50 Lesezeichen zum Song auf meinem Rechner gespeichert, manche wurden zu Kernelementen meiner Blogbeiträge (die wissenschaftlichen Arbeiten von Gary Elshaw zu Godard One Plus One), Herb Bowies Analyse in seinem Web-Book "Reason to Rock" aber auch der Rolling Stone-Forumseintrag, aus dem sich das Interview mit Klaus G. ergab.

Vieles jedoch entpuppte sich als "Beiwerk", welches höchstens in der Lage war, den einen oder anderen Gedankengang zu forcieren oder zu katalysieren. Hierbei lassen sich drei Dimensionen unterschieden:

  1. Bezüglich der Remixe, die im Laufe der Jahre von diesem Song gemacht und welche auch von einigen meiner Kommilitonen im Rahmen ihrer Blogs thematisiert wurden, ist nicht von der Hand zu weisen, dass das Netz es erst ermöglicht hat, sich einen umfassenden Überblick über die existierenden Coverversionen zu verschaffen. Plattformen, wie YouTube u.ä. ermöglichen einen schnellen Zugriff zu den audiovisuellen Quellen und bieten somit einen wunderbaren Ausgangspunkt, um den einen oder anderen Gedanken davon abzuleiten bzw. die einzelnen Werke miteinander in Bezug zu setzen und zu vergleichen.

  2. Die persönliche Kommunikation und die Beiträge in den Foren, die sich mit den Rolling Stones beschäftigen, waren - wie zu erwarten war - recht knapp gehalten. Vermehrt bestand diese Dimension aus Geschmacksfragen, welche Version des Liedes nun die beste sei (z.B. hier), oder Kommentare über Mitglieder der Band oder deren Lieder (hier).

  3. Zur dritten Dimension möchte ich die "rekursive Manifestion bestehender Legenden" zählen. In der Literatur als falsch belegte Informationen werden - typisch für's Netz - voneinander abgeschrieben und bekommen rein durch die Menge ihres Auftretens eine qualitative Aufwertung und werden für glaubwürdig befunden. Diese Gerüchteküche trägt zur Legendenbildung über die Rolling Stones bei, von der die Rolling Stones auch jetzt noch zehren können, so z.B. Stones-Zitate, Gerüchte und Altamont (hier und hier). Gleichzeitig trägt das Internet aber auch zur Klärung der Geschichte bei. Zu der dritten Dimension zähle ich auch den Satanismus-Diskurs, in dem die Rolling Stones immer wieder für die religiös-konservative Argumentation herhalten müssen (z.B. hier und hier).
Insgesamt muss jedoch festgestellt werden, dass die Quellen im Internet sich qualitativ doch stark am alltags- bzw. umgangssprachlichen Feld orientieren und der, dem Seminar vorliegenden Literatur bis auf wenige Ausnahmen (s.o.) qualitativ nicht standhalten können. Dennoch boten sie für mich eine fruchtbare Grundlage, gekoppelt mit den Ergebnissen aus dem Seminar, um daraus die Grundkonstruktion zu zimmern, mit der ich meinen Interviewpartnern gegenübertreten konnte.

Dienstag, 17. März 2009

Interview #5: Friedrich K.

Also eines ist klar: Friedrich Kittler ist kein Stones-Fan! Ich hatte schon mein letztes Interview dieser Reihe den Bach runter gehen sehen, als Professor Kittler mir in seiner Sprechstunde eröffnete, dass er viel lieber die Beatles gehört habe und immer noch ein ausgeprägter Fan von Pink Floyd sei (die nun einmal an dieser Stelle so gar nicht thematisiert werden sollen). Aber dann konnte ich ihn doch noch für eine intellektuelle Auseinandersetzung mit den - in seinen Augen - "brutalistischen" Rolling Stones interessieren.



Die zweite Hälfte der 60er Jahre hat Kittler studierend in Freiburg verbracht, so dass er all diese Songs durch die Jukebox im Studentencafé kennengelernt hat.

Auch Kittler spricht von einer "ideologischen Front", die zwischen den Rolling Stones-Hörern und denen der Beatles verlief. Allerdings beschreibt er dies auf einer Ebene, die in dieser Klarheit bei meinen anderen Interviewpartnern so nicht beschrieben wurde und auch noch zu überprüfen wäre:

Die Polarisierung der Fans vollzog sich nach Kittler nicht nur an der Demarkationslinie des eigenen Musikgeschacks, sondern es scheint auch einen vertikalen Klassenzusammenhang zu geben, welche Musik man nun hörte und welche nicht. Die angehenden Akademiker hörten auf ihren WG-Parties Pink Floyd und György Ligeti, die Rolling Stones waren der "Soundtrack des einfachen Volkes".

Hier kommt ein wertkonservativer Gedanke in die Diskussion, der sich - aus meiner Sicht - mit den Intentionen und Gedanken der 68er und des Aufbrechens alter Gesellschaftsstrukturen kaum vertragen mag. Jedoch scheint die Identifikation mit Musik und Kultur als Repräsentationsmittel und Versicherung der eigenen Rolle und Identität auch heute noch ungebrochen. Sonst müssten wir uns vermutlich nicht mit solch poststrukturalistischen Vokabeln wie "high/low brow" herumschlagen.

Sehr interessant war es auf jeden Fall, die Inhalte der mir aus dem Seminar bekannten Texte aus Kittlers Mund zu lauschen, was die wunderbare Möglichkeit der Ergänzungen mit sich brachte, die oftmals über die bekannten Textinhalte hinaus gingen.

Kittlers Ansatz blieb natürlich auch in unserem Gespräch technisch-deterministisch. Im Rahmen seiner Laudatio für Bran Eno an der (heutigen) UDK Berlin thematisierte er seinen Ansatz, das diese Art von Musik nur in Großbritannien entstehen konnte: als Crossover-Kultur von europäischer Hochtechnologie und amerikanischen Rhythm & Blues. Diese Herleitung wurde ihm anscheinend von Brian Eno bestätigt, im persönlichen Gespräch nach der Laudatio anhand dessen eigener Sozialisation. Dieser Gedanke scheint aber gleichzeitig auch ein Teil von Kittlers offenbar langjährigen Auseinandersetzung mit Dietrich Dietrichsen zu sein … Es ist kaum zu glauben, welchen Einfluss die Rolling Stones auf unser heutiges Leben haben ;)

Quellenangaben zu den Fotos:
Bild 1: Friedrich Kittler, Quelle: kunstradio.at
Bild 2: Dietrich Dietrichsen, Quelle: Wikipedia