Dienstag, 30. Dezember 2008

Interview #2: Klaus G.



Rollback: Interview #2 mit Klaus G., der 1965 zarte 16 Jahre alt war und unbedingt auf das Konzert der Rolling Stones in der Waldbühne wollte. Bei der Recherche zu diesem Blog bin ich über einen Beitrag von Klaus in den Foren des Rolling Stones-Magazins gestolpert. 2005 hatte dort jemand Interviewpartner für einen geplanten Dokumentarfilm über die Ereignisse in der Waldbühne gesucht und Klaus war so nett, seine Email-Adresse zu hinterlassen, so dass ich auch noch drei Jahre später mit ihm in Kontakt treten konnte.



Einen weiteren Augenzeugenbericht habe ich hier gefunden. Ralf Reinders erzählt in diesem Interview, dass viele jugendliche "Gammler" immer wieder auf starke Antipathien in der damaligen Gesellschaft stießen. Klaus G. sagt, jene Jahre waren eine Zeit des Aufbruchs und der Befreiung. Somit haben wir 1965 beim Konzert eine "problematische" Konstallation gehabt. Hunderte von (teilweise wegen Geldknappheit für lau reingeschummelte) Jugendliche, die auf jeden Fall ihre Idole spielen sehen wollten und sich bereits schon vor dem Konzert mit einem Aufgebot an Staatsmacht konfrontiert sahen, wie es später bei Fußballspielen von Hertha BSC und dem BFC Dynamo üblich werden sollte.

Der Unterschied liegt jedoch in der Selbstinszenierung der Polizei. Anscheinend war der Auftritt der Polizisten 1965 alles andere als deeskalierend gedacht. Reinders beschreibt Polizeiabsperrungen bereits vor dem Konzert und eine berittene Staffel. Er spricht davon, dass an diesem Abend viele - sonst eher unpolitische - Besucher einen "Hass auf die Bullen hatten". Halten wir also fest: Es scheint bereits vor dem Konzert zumindest zur indirekten Konfrontation mit der Polizei gekommen zu sein.

Irgendwann kamen dann die Rolling Stones mit Verspätung auf die Bühne und spielten, anscheinend bereits etwas zugedröhnt, drei bis vier Lieder bevor sie die enttäuschten Fans im Dunkeln in der Waldbühne stehen ließen. Da kochte der Topf endgültig über. Die Polizei kesselte das Publikum ein und benutze Wasserwerfer, um das enttäuschte Publikum im Zaum zu halten. Die Schlacht tobte auch noch außerhalb der Waldbühne weiter. "Es war wie im Krieg", sagt Klaus G. - die Berliner S-Bahn war im Ausnahmezustand, die Polizei gerierte sich als "wilde Horde".

Aber davon werden die Rolling Stones wohl nicht mehr viel mitbekommen haben. Und selbst wenn, bleibt es fraglich, ob es sie überhaupt interessiert hätte. In den Medien waren es dann allerdings die Rolling Stones mit ihrem Rock'n'Roll, welche die Fans haben durchdrehen lassen. Wie vom Teufel getrieben.

Aber war das jetzt politisch? Ralf Reinders erwähnt im Interview, dass sich unter den randalierenden Stonesfans auch Leute befanden, die später zur Bewegung 2. Juni stießen. Waren die Rolling Stones politisch? Klaus G. sagt, sie wären es nicht gewesen. Auch Burkhart H. deutete in meinem ersten Interview an, dass man sich in späten 60ern in Berlin Stonesfan sein konnte, ohne zwangsläufig mit der Studentenbewegung der 68er an den Universitäten konfrontiert zu werden. Der Aufmarsch der Polizei zum Stones-Konzert 1965 lässt allerdings an die Konfrontationen nur drei Jahre später erinnern.

"Sympathy for the Devil" sollte erst noch geschrieben werden. Die Rolling Stones machten 1965 auf der Bühne ja einen ganz zufriedenen Eindruck. Auch die Jugendlichen im Jahre 1965 wollten "Satisfaction". Sie waren offensichtlich nicht zufrieden mit dem, was ihnen die Gesellschaft da in Aussicht stellte. Und wie sich zeigen sollte, waren nicht wenige dieser Jugendlichen nur drei Jahre später entgültig bereit, dafür zu kämpfen.


Quellenangaben zu den Fotos:

Bild 1: "Ostberliner Rolling Stones Fans, 1965." Quelle: Eulenspiegel, 3. Oktoberheft 1965, Nr. 42 (gefunden unter http://www.jugendopposition.de/index.php?id=2683)
Bild 2: "Zeitungsartikel: Beatmusik als 'Nervengift des Klassenfeindes'", Im Bild: ein Artikel der Bild-Zeitung, der im Neuen Deutschland veröffentlicht wurde. Quelle: Neues Deutschland vom 17. September 1965, S. 4 (gefunden unter http://www.jugendopposition.de/index.php?id=2683)


Donnerstag, 11. Dezember 2008

Live at The Rock'n'Roll Circus 1968


Am 11. Dezember 1968 fand in London der „Rolling Stones' Rock and Roll Circus“ statt. Es handelte sich dabei um eine Show, die ursprünglich für eine Fernsehausstrahlung der britischen BBC aufgezeichnet wurde. Zum R&R-Circus luden die Stones u. a. John Lennon, The Who, Jethro Tull und Taj Mahal ein. Die Aufzeichnung (mit Feuerschlucker und Artisten) wurde nicht im Fernsehen gezeigt, da die Stones der Meinung waren, dass ihr Auftritt gegenüber der Show von The Who deutlich schwächer ausfiel. 1995 wurde der „Rolling Stones-Rock and Roll-Circus“ als Video (und auch als CD) sowie im Jahre 2004 als DVD veröffentlicht.

Auf YouTube kursiert ein Mitschnitt des Stones-Auftrittes. Netterweise ist es der Song "Sympathy for the Devil", welcher auch der letzte offizielle Song der gesamten Show war, bevor sich alle Musiker noch einmal zu einem gemeinsamen Finale auf der Bühne versammelten.



Ob der Auftritt der frisch von einer Tournee zurückgekehrten The Who nun wirklich den Gastgebern die Show stahlen, sei dahin gestellt. Die Meinungen diesbezüglich gehen in den Internetforen auseinander. Fakt scheint jedoch, dass die Rolling Stones als Hauptband des Abends erst um drei Uhr nachts auf die Bühne kamen, was das verquarzte Mienenspiel der Bandmitglieder zu einem großen Teil erklären dürfte. Allerdings ist nicht von der Hand zu weisen, dass Brian Jones auch hier wieder einmal total zugedröhnt wirkt. Sein recht dezenter Auftritt an den Maracas sollte dann auch der letzte öffentliche Konzertauftritt mit den Rolling Stones sein. Am 9. Juni 1969 gab er offiziell seine Trennung von der Band bekannt.

Genug Geschichte. Der weitere Verlauf dieses Blogeintrags widmet sich der obigen YouTube-Aufzeichnung. An dieser Stelle möchte ich noch einmal ein Zitat aus Herb Bowie's "Reason to Rock" bringen, welches schon in meinem letzten Blogbeitrag Erwähnung fand:

Jagger has sometimes become known as a poseur, acting jaded and decadent for the sheer amusement of it; here, though, his artifice certainly serves a higher aesthetic purpose.

Bis zur fünften Minute sehen wir Altbekanntes. Mick Jagger's Lippen und Augen sind geschminkt, seine energetische Performance quasi business as usual. Doch dann bricht wortwörtlich die Hölle los. Jagger's Gesang verebbt in Satzfragmenten, Hall kommt auf seine Stimme und sein "Who-hoo" würde sogar Michael Jackson erblassen lassen. Die vielen weiteren Parallelen dieser beiden Videos, von der "Windmühle" à la Pete Townshend bis zum Shirt-Rip, lasse ich jetzt einmal bewusst unkommentiert.

Ja, der Shirt-Rip. Jaggers Verhältnis zur Kamera intensiviert sich spürbar. Er windet sich auf dem Catwalk, kniend schlägt er seine Handflächen auf den Boden, klatscht in die Hände. Die Gitarre nimmt sich zurück und langsam, ganz langsam zieht Jagger sein Shirt aus... und da: TEUFELSTÄTOWIERUNGEN!!! Die Choreografie der Kamera ist präzise, hektisch geht der Zoom ran, die Unschärfe des Privaten. Sie klebt an Jaggers sehnigem Oberkörper und an seinen Oberarmen. Teufel auch!

Und während dessen dreht das Publikum vollkommen durch. Sie springen und tanzen, werfen ihre Hände in die Luft. Der Gospelchor neben den Bühnenrändern, das Publikum in seinen selbstgebastelten Ponchos und Umhängen tanzt sich in Trance. Es geht ab! Der absolute Voodoo.

Jagger kommt wieder zu sich. "What's my name?" fragt er mit dem Finger drohend in die Kamera. Auch Michael Jackson kommt zurück. Mick tanzt und klatscht in die Hände. Doch dann beginnt die Musik der Band langsam zu bröseln. Jagger hebt ein Tuch auf und schlingt es sich um den Kopf. Er geht zur Kamera, das Mikro liegt am Boden und... WAS IST DAS?! Seine Lippen bewegen sich überdimensional vor der Linse und man kann nichts hören. Aber was sagt er da? "Swindle! Swindle! Swindle!" ??? Ich kann es nicht hören. Wer kann es mir sagen? Ist das etwa "The Great Rock'n'Roll Swindle", der vielleicht fälschlicher Weise Jahre später einem gewissen Malcolm McLaren in die Schuhe geschoben wurde?

Wer schwindelt hier eigentlich?!
Wessen "Sprachrohr" ist Mick Jagger?


Nachtrag: Auf den halbseidenen Nebenpfaden des World Wide Web lässt sich auch ein Teaserstream der Show mit der Downloadoption für die gesamte Show für den ipod finden. Ein Spaß für all jene, die die Zeit und Kraft haben, sich die gesamten 1:05:30 im Hanuta-Format zu geben. Viel Spaß.