Rollback: Interview #2 mit Klaus G., der 1965 zarte 16 Jahre alt war und unbedingt auf das Konzert der Rolling Stones in der Waldbühne wollte. Bei der Recherche zu diesem Blog bin ich über einen Beitrag von Klaus in den Foren des Rolling Stones-Magazins gestolpert. 2005 hatte dort jemand Interviewpartner für einen geplanten Dokumentarfilm über die Ereignisse in der Waldbühne gesucht und Klaus war so nett, seine Email-Adresse zu hinterlassen, so dass ich auch noch drei Jahre später mit ihm in Kontakt treten konnte.Einen weiteren Augenzeugenbericht habe ich hier gefunden. Ralf Reinders erzählt in diesem Interview, dass viele jugendliche "Gammler" immer wieder auf starke Antipathien in der damaligen Gesellschaft stießen. Klaus G. sagt, jene Jahre waren eine Zeit des Aufbruchs und der Befreiung. Somit haben wir 1965 beim Konzert eine "problematische" Konstallation gehabt. Hunderte von (teilweise wegen Geldknappheit für lau reingeschummelte) Jugendliche, die auf jeden Fall ihre Idole spielen sehen wollten und sich bereits schon vor dem Konzert mit einem Aufgebot an Staatsmacht konfrontiert sahen, wie es später bei Fußballspielen von Hertha BSC und dem BFC Dynamo üblich werden sollte.
Der Unterschied liegt jedoch in der Selbstinszenierung der Polizei. Anscheinend war der Auftritt der Polizisten 1965 alles andere als deeskalierend gedacht. Reinders beschreibt Polizeiabsperrungen bereits vor dem Konzert und eine berittene Staffel. Er spricht davon, dass an diesem Abend viele - sonst eher unpolitische - Besucher einen "Hass auf die Bullen hatten". Halten wir also fest: Es scheint bereits vor dem Konzert zumindest zur indirekten Konfrontation mit der Polizei gekommen zu sein.
Irgendwann kamen dann die Rolling Stones mit Verspätung auf die Bühne und spielten, anscheinend bereits etwas zugedröhnt, drei bis vier Lieder bevor sie die enttäuschten Fans im Dunkeln in der Waldbühne stehen ließen. Da kochte der Topf endgültig über. Die Polizei kesselte das Publikum ein und benutze Wasserwerfer, um das enttäuschte Publikum im Zaum zu halten. Die Schlacht tobte auch noch außerhalb der Waldbühne weiter. "Es war wie im Krieg", sagt Klaus G. - die Berliner S-Bahn war im Ausnahmezustand, die Polizei gerierte sich als "wilde Horde".
Aber davon werden die Rolling Stones wohl nicht mehr viel mitbekommen haben. Und selbst wenn, bleibt es fraglich, ob es sie überhaupt interessiert hätte. In den Medien waren es dann allerdings die Rolling Stones mit ihrem Rock'n'Roll, welche die Fans haben durchdrehen lassen. Wie vom Teufel getrieben.
Aber war das jetzt politisch? Ralf Reinders erwähnt im Interview, dass sich unter den randalierenden Stonesfans auch Leute befanden, die später zur Bewegung 2. Juni stießen. Waren die Rolling Stones politisch? Klaus G. sagt, sie wären es nicht gewesen. Auch Burkhart H. deutete in meinem ersten Interview an, dass man sich in späten 60ern in Berlin Stonesfan sein konnte, ohne zwangsläufig mit der Studentenbewegung der 68er an den Universitäten konfrontiert zu werden. Der Aufmarsch der Polizei zum Stones-Konzert 1965 lässt allerdings an die Konfrontationen nur drei Jahre später erinnern."Sympathy for the Devil" sollte erst noch geschrieben werden. Die Rolling Stones machten 1965 auf der Bühne ja einen ganz zufriedenen Eindruck. Auch die Jugendlichen im Jahre 1965 wollten "Satisfaction". Sie waren offensichtlich nicht zufrieden mit dem, was ihnen die Gesellschaft da in Aussicht stellte. Und wie sich zeigen sollte, waren nicht wenige dieser Jugendlichen nur drei Jahre später entgültig bereit, dafür zu kämpfen.
Quellenangaben zu den Fotos:
Bild 1: "Ostberliner Rolling Stones Fans, 1965." Quelle: Eulenspiegel, 3. Oktoberheft 1965, Nr. 42 (gefunden unter http://www.jugendopposition.de/index.php?id=2683)
Bild 2: "Zeitungsartikel: Beatmusik als 'Nervengift des Klassenfeindes'", Im Bild: ein Artikel der Bild-Zeitung, der im Neuen Deutschland veröffentlicht wurde. Quelle: Neues Deutschland vom 17. September 1965, S. 4 (gefunden unter http://www.jugendopposition.de/index.php?id=2683)

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