Dienstag, 30. Dezember 2008

Interview #2: Klaus G.



Rollback: Interview #2 mit Klaus G., der 1965 zarte 16 Jahre alt war und unbedingt auf das Konzert der Rolling Stones in der Waldbühne wollte. Bei der Recherche zu diesem Blog bin ich über einen Beitrag von Klaus in den Foren des Rolling Stones-Magazins gestolpert. 2005 hatte dort jemand Interviewpartner für einen geplanten Dokumentarfilm über die Ereignisse in der Waldbühne gesucht und Klaus war so nett, seine Email-Adresse zu hinterlassen, so dass ich auch noch drei Jahre später mit ihm in Kontakt treten konnte.



Einen weiteren Augenzeugenbericht habe ich hier gefunden. Ralf Reinders erzählt in diesem Interview, dass viele jugendliche "Gammler" immer wieder auf starke Antipathien in der damaligen Gesellschaft stießen. Klaus G. sagt, jene Jahre waren eine Zeit des Aufbruchs und der Befreiung. Somit haben wir 1965 beim Konzert eine "problematische" Konstallation gehabt. Hunderte von (teilweise wegen Geldknappheit für lau reingeschummelte) Jugendliche, die auf jeden Fall ihre Idole spielen sehen wollten und sich bereits schon vor dem Konzert mit einem Aufgebot an Staatsmacht konfrontiert sahen, wie es später bei Fußballspielen von Hertha BSC und dem BFC Dynamo üblich werden sollte.

Der Unterschied liegt jedoch in der Selbstinszenierung der Polizei. Anscheinend war der Auftritt der Polizisten 1965 alles andere als deeskalierend gedacht. Reinders beschreibt Polizeiabsperrungen bereits vor dem Konzert und eine berittene Staffel. Er spricht davon, dass an diesem Abend viele - sonst eher unpolitische - Besucher einen "Hass auf die Bullen hatten". Halten wir also fest: Es scheint bereits vor dem Konzert zumindest zur indirekten Konfrontation mit der Polizei gekommen zu sein.

Irgendwann kamen dann die Rolling Stones mit Verspätung auf die Bühne und spielten, anscheinend bereits etwas zugedröhnt, drei bis vier Lieder bevor sie die enttäuschten Fans im Dunkeln in der Waldbühne stehen ließen. Da kochte der Topf endgültig über. Die Polizei kesselte das Publikum ein und benutze Wasserwerfer, um das enttäuschte Publikum im Zaum zu halten. Die Schlacht tobte auch noch außerhalb der Waldbühne weiter. "Es war wie im Krieg", sagt Klaus G. - die Berliner S-Bahn war im Ausnahmezustand, die Polizei gerierte sich als "wilde Horde".

Aber davon werden die Rolling Stones wohl nicht mehr viel mitbekommen haben. Und selbst wenn, bleibt es fraglich, ob es sie überhaupt interessiert hätte. In den Medien waren es dann allerdings die Rolling Stones mit ihrem Rock'n'Roll, welche die Fans haben durchdrehen lassen. Wie vom Teufel getrieben.

Aber war das jetzt politisch? Ralf Reinders erwähnt im Interview, dass sich unter den randalierenden Stonesfans auch Leute befanden, die später zur Bewegung 2. Juni stießen. Waren die Rolling Stones politisch? Klaus G. sagt, sie wären es nicht gewesen. Auch Burkhart H. deutete in meinem ersten Interview an, dass man sich in späten 60ern in Berlin Stonesfan sein konnte, ohne zwangsläufig mit der Studentenbewegung der 68er an den Universitäten konfrontiert zu werden. Der Aufmarsch der Polizei zum Stones-Konzert 1965 lässt allerdings an die Konfrontationen nur drei Jahre später erinnern.

"Sympathy for the Devil" sollte erst noch geschrieben werden. Die Rolling Stones machten 1965 auf der Bühne ja einen ganz zufriedenen Eindruck. Auch die Jugendlichen im Jahre 1965 wollten "Satisfaction". Sie waren offensichtlich nicht zufrieden mit dem, was ihnen die Gesellschaft da in Aussicht stellte. Und wie sich zeigen sollte, waren nicht wenige dieser Jugendlichen nur drei Jahre später entgültig bereit, dafür zu kämpfen.


Quellenangaben zu den Fotos:

Bild 1: "Ostberliner Rolling Stones Fans, 1965." Quelle: Eulenspiegel, 3. Oktoberheft 1965, Nr. 42 (gefunden unter http://www.jugendopposition.de/index.php?id=2683)
Bild 2: "Zeitungsartikel: Beatmusik als 'Nervengift des Klassenfeindes'", Im Bild: ein Artikel der Bild-Zeitung, der im Neuen Deutschland veröffentlicht wurde. Quelle: Neues Deutschland vom 17. September 1965, S. 4 (gefunden unter http://www.jugendopposition.de/index.php?id=2683)


Donnerstag, 11. Dezember 2008

Live at The Rock'n'Roll Circus 1968


Am 11. Dezember 1968 fand in London der „Rolling Stones' Rock and Roll Circus“ statt. Es handelte sich dabei um eine Show, die ursprünglich für eine Fernsehausstrahlung der britischen BBC aufgezeichnet wurde. Zum R&R-Circus luden die Stones u. a. John Lennon, The Who, Jethro Tull und Taj Mahal ein. Die Aufzeichnung (mit Feuerschlucker und Artisten) wurde nicht im Fernsehen gezeigt, da die Stones der Meinung waren, dass ihr Auftritt gegenüber der Show von The Who deutlich schwächer ausfiel. 1995 wurde der „Rolling Stones-Rock and Roll-Circus“ als Video (und auch als CD) sowie im Jahre 2004 als DVD veröffentlicht.

Auf YouTube kursiert ein Mitschnitt des Stones-Auftrittes. Netterweise ist es der Song "Sympathy for the Devil", welcher auch der letzte offizielle Song der gesamten Show war, bevor sich alle Musiker noch einmal zu einem gemeinsamen Finale auf der Bühne versammelten.



Ob der Auftritt der frisch von einer Tournee zurückgekehrten The Who nun wirklich den Gastgebern die Show stahlen, sei dahin gestellt. Die Meinungen diesbezüglich gehen in den Internetforen auseinander. Fakt scheint jedoch, dass die Rolling Stones als Hauptband des Abends erst um drei Uhr nachts auf die Bühne kamen, was das verquarzte Mienenspiel der Bandmitglieder zu einem großen Teil erklären dürfte. Allerdings ist nicht von der Hand zu weisen, dass Brian Jones auch hier wieder einmal total zugedröhnt wirkt. Sein recht dezenter Auftritt an den Maracas sollte dann auch der letzte öffentliche Konzertauftritt mit den Rolling Stones sein. Am 9. Juni 1969 gab er offiziell seine Trennung von der Band bekannt.

Genug Geschichte. Der weitere Verlauf dieses Blogeintrags widmet sich der obigen YouTube-Aufzeichnung. An dieser Stelle möchte ich noch einmal ein Zitat aus Herb Bowie's "Reason to Rock" bringen, welches schon in meinem letzten Blogbeitrag Erwähnung fand:

Jagger has sometimes become known as a poseur, acting jaded and decadent for the sheer amusement of it; here, though, his artifice certainly serves a higher aesthetic purpose.

Bis zur fünften Minute sehen wir Altbekanntes. Mick Jagger's Lippen und Augen sind geschminkt, seine energetische Performance quasi business as usual. Doch dann bricht wortwörtlich die Hölle los. Jagger's Gesang verebbt in Satzfragmenten, Hall kommt auf seine Stimme und sein "Who-hoo" würde sogar Michael Jackson erblassen lassen. Die vielen weiteren Parallelen dieser beiden Videos, von der "Windmühle" à la Pete Townshend bis zum Shirt-Rip, lasse ich jetzt einmal bewusst unkommentiert.

Ja, der Shirt-Rip. Jaggers Verhältnis zur Kamera intensiviert sich spürbar. Er windet sich auf dem Catwalk, kniend schlägt er seine Handflächen auf den Boden, klatscht in die Hände. Die Gitarre nimmt sich zurück und langsam, ganz langsam zieht Jagger sein Shirt aus... und da: TEUFELSTÄTOWIERUNGEN!!! Die Choreografie der Kamera ist präzise, hektisch geht der Zoom ran, die Unschärfe des Privaten. Sie klebt an Jaggers sehnigem Oberkörper und an seinen Oberarmen. Teufel auch!

Und während dessen dreht das Publikum vollkommen durch. Sie springen und tanzen, werfen ihre Hände in die Luft. Der Gospelchor neben den Bühnenrändern, das Publikum in seinen selbstgebastelten Ponchos und Umhängen tanzt sich in Trance. Es geht ab! Der absolute Voodoo.

Jagger kommt wieder zu sich. "What's my name?" fragt er mit dem Finger drohend in die Kamera. Auch Michael Jackson kommt zurück. Mick tanzt und klatscht in die Hände. Doch dann beginnt die Musik der Band langsam zu bröseln. Jagger hebt ein Tuch auf und schlingt es sich um den Kopf. Er geht zur Kamera, das Mikro liegt am Boden und... WAS IST DAS?! Seine Lippen bewegen sich überdimensional vor der Linse und man kann nichts hören. Aber was sagt er da? "Swindle! Swindle! Swindle!" ??? Ich kann es nicht hören. Wer kann es mir sagen? Ist das etwa "The Great Rock'n'Roll Swindle", der vielleicht fälschlicher Weise Jahre später einem gewissen Malcolm McLaren in die Schuhe geschoben wurde?

Wer schwindelt hier eigentlich?!
Wessen "Sprachrohr" ist Mick Jagger?


Nachtrag: Auf den halbseidenen Nebenpfaden des World Wide Web lässt sich auch ein Teaserstream der Show mit der Downloadoption für die gesamte Show für den ipod finden. Ein Spaß für all jene, die die Zeit und Kraft haben, sich die gesamten 1:05:30 im Hanuta-Format zu geben. Viel Spaß.

Sonntag, 23. November 2008

Wer - zur Hölle - ist hier eigentlich der Teufel?

Dieser Blogeintrag widmet sich der Frage, wer hier überhaupt der Teufel ist, von dem Mick Jagger in seinem Text spricht. Dafür möchte ich an Velkos Blogeintrag vom 18.11.2008 anknüpfen. Wenn ich ihn richtig verstanden habe, hat Velko einfach mal versucht die klassische Interpretation, dass der Teufel das Lied singt, zugunsten einer historisch real existierenden Person zu wechseln (z.B. Lee Harvey Oswald, Joseph Goebbels oder dem Mitglied einer Verschwörung den Text in den Mund zu legen).

Spinnt man den Gedanken weiter, so nimmt Mick Jagger als Sänger der Rolling Stones und Autor des Songtextes quasi lediglich die Rolle des Mediums ein und die Rolle des Teufels steht zur Disposition.

Dieser "Perspektivwechsel" erinnert mich an ein Gespräch mit einem Arbeitskollegen, dem ich von diesem Seminar erzählt habe. Er erzählte mir - als ehemaliger Musikjournalist mit starker Affinität zur Rockmusik -, dass vor dem Aufkommen der Rockmusik im musikalischen Universum die literarische Form des Lyrischen Ichs nahezu gar nicht ausgeprägt war. Je weiter man sich von einer rollenorientierten Darstellung (vgl. Theater, Oper, …) entfernte, desto stärker liefen die Darstellenden Gefahr, dass die Zuhörer das, was die Künstler präsentierten mit der Person des Künstlers identifizierten. Anscheinend gab es in den 60er Jahren nicht wenige Zuhörer, welche die Texte der Musiker als autobiografisch wahrnahmen und die Übertragung des Konzeptes "Lyrisches Ich" in die Texte der Rock- und Popmusik noch nicht vollzogen hatten. Für diese mussten Mick Jagger und die Rolling Stones mit diesem Text zwangsläufig wie Teufelsanbeter wirken.

Leider habe ich keine Quellen gefunden, die diese These stützen bzw. widerlegen würden. Allerdings bin ich bei meiner Netzreise auf einige Einträge gestoßen, die diesen Gedanken aufnehmen. Herb Bowie beginnt seinen Eintrag über "Sympathy for the Devil" in seinem Web Book "Reason to Rock" mit folgender Feststellung:
The first thing to be said about this track is how utterly different it is from most rock songs. In a field where compositions are most often about sexual or romantic relationships, with a significant minority about the music itself, or about philosophy, we have here... a first-person narrative from Beelzebub. Lyrically and thematically, the song is in a class by itself.
Für das Publikum war es also nie ein Problem bezüglich der Glaubwürdigkeit eines Künstlers, wenn dieser Künstler über seine vermeintlichen Romanzen und seine sexuellen Eroberungen sang. Anscheinend führte die Übertragung dieser rhetorischen Struktur auf die "dunkle Seite" jedoch zu großer Verwirrung und letztlich dazu, dass die Gerüchteküche zu brodeln begann - und dies noch bis zum heutigen Tage.

Und nach einigen Sprüngen von Interpretationsebene zu Interpetationsebene kommt auch Herb Bowie letztendlich zu einem rational-distanzierten Ergebnis, welches in ähnlicher Form auch in unserem Seminar bereits angeklungen ist:
(…) Jagger seems to be using the devil as a symbol, a personification of evil, and of how it works in the world. What the words seem to be saying is that there is evil in the world, and we need to be on our guard, because evil will not always appear as such, and may often be disguised by those who would wish to deceive us. (…) Jagger has sometimes become known as a poseur, acting jaded and decadent for the sheer amusement of it; here, though, his artifice certainly serves a higher aesthetic purpose.
Anscheinend sind die Stones selbst über die Jahre auch enerviert, dass sie immer noch auf die Aussage des Textes angesprochen werden. Somit haben sie des öfteren in der Vergangenheit Vorwürfe abgewiegelt, sie hätten sich mit diesem Song in die Nähe der Curch of Satan (oder auch hier thematisiert) gebracht. Ich möchte diesen Blogbeitrag an dieser Stelle mit zwei Zitaten aus einer kleinen Zitatsammlung zum Song beschließen, welche auf einer Stones-Fansite mit dem inhaltsvollen Namen "Time is on our Side" gesammelt wurden:
(We took the subject of the devil seriously) for the duration of the song. That's what those things are about. It's like acting in a movie: you try to act out the scene as believably as possible, whether you believe it or not. That's called GOOD ACTING. You have to remember, when somebody writes a song, it's not entirely autobiographical... Sympathy for the Devil was pretty... ah, well, it's just one song, as I said. Hell, you know, I neve really did the subject to death. But I DID have to back off a little, because I could see what was happening. It's an easily exploitable image, and people really went for it in a big way.

Mick Jagger, 1987
Und Keith Richards, im Fahrwasser der jüngeren amerikanischen Geschichte, setzt noch eins drauf:
Sympathy is quite an uplifting song. It's just a matter of looking (the Devil) in the face. He's there all the time. I've had very close contact with Lucifer - I've met him several times. Evil - people tend to bury it and hope it sorts itself out and doesn't rear its ugly head. Sympathy for the Devil is just as appropriate now, with 9/11. There it is again, big time. When that song was written, it was a time of turmoil. It was the first sort of international chaos since World War II. And confusion is not the ally of peace and love. You want to think the world is perfect. Everybody gets sucked into that. And as America has found out to its dismay, you can't hide. You might as well accept the fact that evil is there and deal with it any way you can. Sympathy for the Devil is a song that says, Don't forget him. If you confront him, then he's out of a job.

Keith Richards, 2002

Sonntag, 16. November 2008

Interview #1: Burkhart H.

Ich bin den geneigten Lesern dieses Blogs noch die Quelle meiner Informationen zur Premiere von Godards "One Plus One" in London schuldig. Auf meinem Streifzug im Netz bin ich auf Gary Elshaws Master-Thesis gestoßen, welche er im November 2000 an der Universität von Wellington (NZ) eingereicht hat: "The Depiction of late 1960's Counter Culture in the 1968 films of Jean-Luc Godard" - darin das Kapitel über "One Plus One". Das Werk wurde unter Creative Commons Lizenz im Netz veröffentlicht und ist netterweise auch als .html abrufbar.

Beim Konzert der Rolling Stones in der Berliner Waldbühne liegen Fans im Clinch mit den Ordnern. Quelle:  Bildarchiv Preussischer KulturbesitzOkay, nun zum Interview#1 - der erste Versuch direkt aus der Nachbarschaft. Burkhart H. ist Lehrer in Berlin und war 1965 auf dem Stones-Konzert in der Waldbühne, bei dem es zu Ausschreitungen bis dato unbekannter Größe unter den meist jugendlichen Besuchern des Konzertes kam. Burkharts Jugend im Berlin der 60er Jahre wurde zu einem großen Maße durch die Musik der Rolling Stones (und den anderen Bands dieser Zeit) geprägt. Er hört sie auch heute noch.

Für Burkhart ist "Sympathy for the Devil" ein Stones-Song von vielen, wenn auch ein guter. In diesem Interview also ein Blick in die Berliner Geschichte: wie man in den Berliner Jugendheimen Musik austauschte, Berliner Coverbands der 60er, Burkharts Wahrnehmung der Ereignisse beim Stones-Konzert in der Berliner Waldbühne, ein persönlicher Rückblick auf '68 und über die Bedeutung der Stones für Burkharts weiteres Leben. Viel Spaß beim Hören. Unter dem Interview folgen meine Gedanken zu Burkharts Statements.



Es wird wohl schwieriger als gedacht, Menschen zu finden, die gerade mit "Sympathy for the Devil" ein besonderes Verhältnis verbindet. Was lese ich nun aus den Worten meines ersten Interviewpartners?

Besonders interessant finde ich seine Aussage zu den deutschen Rezeptionsmechanismen der damaligen Zeit, welche sich auch ohne Abstriche auf die heutige Musikrezeption deutscher Jugendlicher übertragen lassen: Der durchschnittliche Hörer englischsprachiger Popmusik versteht die Texte nicht und schlägt diese auch nicht nach, um sie zu übersetzen! Burkhart betont im Interview, dass seine Rezeption der englischsprachigen Songs und die seiner Freunde vollständig über die Melodien lief. Welche Bedeutung hat dies für unsere Ableitungen? Wir analysieren die im Text verarbeiteten historischen Ereignisse, betreiben Textexegese und bilden dies auf die Biografie und mediale Dokumentation des Phänomens "Rolling Stones" ab. Aber wie steht es um die aus der Stones-Rezeption resultierenden Handlungen ihrer Hörer? Zu welchen "teuflischen" Handlungen konnten die Stones sie verführen, wenn diese nicht einmal ihre Sprache richtig verstanden? Doch nicht etwa zum Zertrümmern der Waldbühne ;) ?

Demonstration gegen den Vietnam-Krieg, Berlin 1968 (Bild: AP Archiv)Des weiteren möchte ich noch kurz auf Burkharts Ausführungen zur der Situation 1968 in Berlin eingehen. Bemerkenswert finde ich seine Einschätzung, dass man in Berlin mit den damaligen Ereignissen nicht zwangsläufig in direkten Kontakt kommen musste, selbst wenn man zu dieser Zeit dort studierte. Ich bin mir bewußt, dass die FU Berlin auch damals schon eine Massenuniversität war, wie sie auch heute ist. Auch ist mir bewußt, dass eine bestimmte politische Disposition nötig war, um an den Ereignissen der Zeit zu partizipieren. Burkharts Schilderungen erinnern mich an die heutige Zeit und seine Wahrnehmung lässt sich m.E. leicht auf das politische Engagement heutiger Studenten übertragen, z.B. in der Diskussion und Agitation zur Mobilmachung im Kommilitonenkreis gegen Studiengebühren vor einigen Jahren. Die große Masse der Studentschaft hatte diesbezüglich keine dezidierte Meinung und verhielt sich größtenteils unpolitisch. Überspitzt könnte man meinen, dass auch damals eine Minderheit ihre revolutionären Gedanken in die Gesellschaft trug, während die Mehrheit (auch in der Studentenschaft) gar nicht davon tangiert wurde. Somit hätte im Falle der 68er eine Minderheit nachhaltig große gesellschaftliche Änderungen bewirkt …

Quellenangaben zu den Fotos:

1. "Beim Konzert der Rolling Stones in der Berliner Waldbühne liegen Fans im Clinch mit den Ordnern." Quelle: Bildarchiv Preussischer Kulturbesitz (gefunden unter http://einestages.spiegel.de)
2. "Demonstration gegen den Vietnam-Krieg, Berlin 1968." Bild: AP Archiv (gefunden unter http://www.dradio.de)

Sonntag, 9. November 2008

"One Plus One" netvisited

"One toke? You poor fool! Wait till you see those goddamn bats. I could barely hear the radio...slumped over on the far side of the seat, grappling with a tape recorder turned all the way up on "Sympathy for the Devil." That was the only tape we had, so we played it constantly, over and over, as a kind of demented counterpoint to the radio. And also to maintain our rhythm on the road."

Fear and Loathing in Las Vegas ––Hunter S. Thompson

Godard hat in seinem Film "One Plus One" die Entstehungsgeschichte des Stones-Song "Sympathy for the Devil" dokumentiert. Bei Onkel YouTube kann man sich noch einmal den Trailer zum Film anschauen.



Ob der Trailer nun von DVD gerippt wurde oder nicht... ich finde es immer wieder faszinierend, wie sehr doch Trailer in ihrer Präsentationsform den eigentlichen Film verfremden. Besonders die Endsequenz am Strand, wo die junge Dame mit dem Filmkran hochgehieft wird und erschöpft zwischen den beiden Fahnen liegend vor dem blauen Himmel schwebt, wirkt mit der musikalischen Untermalung der Stones vollkommen anders.

Da der Film im Trailer auch mit dem Titel "Sympathy for the Devil" angekündigt wird, scheint es sich um jene Version zu handeln, an deren Ende ohne Godards Wissen von den Produzenten die fertigen Version des Stones-Stückes untergelegt wurde. Einer der Produzenten war u.a. Iain Quarrier, welcher auch in Godards Film den faschistischen Pornoheft-Verkäufer darstellt. Nachdem Godard vergeblich das Publikum bei der Premiere des Films am 30. November 1968 auf dem London Film Festival aufgefordert hatte, sich das Geld wegen dieser Manipulation an seinem Film zurückgeben zu lassen, verpasste er Iain Quarrier auch gleich eine, als er Wut entbrannt aus dem Saal stürzte. Vermutlich hat er Quarrier dabei auch als Faschisten beschimpft … ;)

Für Godard stand die ungewollte Überarbeitung seines geplanten, ursprünglichen Filmendes im Widerspruch mit seinem Ansatz, jegliche Enden in den unterschiedlichen Inhaltsebenen des Films zu vermeiden. Letztlich hat er ja auch den Prozess der Songwerdung ins Zentrum der Stones-Sequenz gelegt.

Die politisch-ideologische Aufladung des Bildes verändert sich m.E. dadurch nicht, aber durch den treibenden Song bekommt das Bild eine andere Stimmung. Die Endeinstellung wirkt auf mich in dieser Version wesentlich energetischer, als in Godards Directors Cut, wo nur eine gepickte Gitarre auf der Tonspur zu hören ist, bevor das Bild zum Freeze kommt. Unter den ablaufenden Credits kann man die die Tonspur der Stones im Studio hören, wie sie an ihrem Song arbeiten. Auf der einen Seite scheint die offizielle Kinoversion zu sagen: "Yeah! Es geht los, Revolution wird gemacht!!" - Auf der anderen Seite bekommt es durch den Song gleichzeitig den Charakter des Finalen, vergleichbar dem Cowboy, der am Ende des Films in den Sonnenuntergang reitet. The End.

Freitag, 24. Oktober 2008

Einstieg

Für jene, die dieses Weblog lesen OHNE ein Teilnehmer unseres Seminars zu sein, an dieser Stelle eine kleine Erläuterung zu diesem Blog:

Als Teilnehmer des kulturwissenschaftlichen Seminars "Sympathy for the Devil. Karriere eines Rocksongs" an der HU Berlin sind wir aufgefordert, uns mit der Rezeption dieses Songs der Rolling Stones eingehender zu beschäftigen. Teil unserer Arbeit im Seminar ist, dass jede(r) von uns ein Blog aufsetzt, in welchem er/sie die eigene Herangehensweise zum Thema dokumentiert.

Womit werde ich mich in diesem Blog beschäftigen?

Ich bin kein dezidierter Rolling Stones-Fan. Ich besitze auch keine einzige Platte von ihnen ("shame on me"). Aber genau dieses, denke ich, versetzt mich in die Situation des naiven Beobachters.

Somit werde ich mich auf den Weg begeben in das große Rauschen des WWW, um Spuren zu finden von Menschen, denen dieser Song anscheinend etwas bedeutet. Zumindest soviel, dass sie darüber im Netz posten.

Ich werde Internet-Foren und andere Kommunikationräume durchkämmen und dokumentieren, was dort von Menschen zu diesem Song geschrieben und gefragt wurde. Und ich werde darüber anfangen nachzudenken und die Zitate und meine Gedanken dazu an diesem Ort aufschreiben.

Des weiteren werde ich versuchen, Menschen in meinem physisch-realen Umfeld zu finden, denen dieser Song etwas bedeutet, und ich werde sie darüber befragen: über ihre Erinnerung daran, wann sie diesen Song gehört haben, was sie damit verbinden und welche Bedeutung dieser Song für sie besitzt.

Ich weiß nicht, wie viele Stones-Fans es da draußen gibt... und wie leicht ich sie finden werde... und ob jene, die ich hoffentlich finden werde, zu diesem Song auch eine Meinung besitzen. Mal sehen. Möge die Übung gelingen :)