Was haben wir denn da? Im Laufe des Semesters sind wir immer wieder auf Cover-Versionen von "Sympathy for the Devil" gestoßen. Einige davon haben wir im Seminar angesprochen (Guns N' Roses, Jane's Addiction, Laibach …), andere wurden bereits von einigen meiner Kommilitonen in ihren Weblogs angeführt (The Neptunes).
Eine Version ist uns dabei allerdings bisher durch die Lappen gegangen: Im Jahre 2003 veröffentlichte der Beatbastler Norman Cook alias Fatboy Slim seine Version des Songs. Diese Version unterscheidet sich von den meisten anderen Versionen meines Erachtens darin, dass es keine Cover-Version ist, sondern ein Remix (am ehesten vergleichbar mit der Version von den Neptunes), da nicht eine andere Band sich des Songs "Sympathy for the Devil" bedient, sondern die Rolling Stones hier "in persona" performen.
(hier noch ein Link zu einer besseren Bildqualität, leider ließ sich dieser Film nicht an dieser Stelle einbetten)
Schaut man sich das Video an, so stellt sich auf den ersten Blick die Frage, wo hier der Remix sein soll. Norman Cooks Version von 2003 klingt verdächtig wie das Original der Rolling Stones aus dem Jahre 1968. Erst beim genaueren Hinhören und im direkten Vergleich schimmern die dezenten Unterschiede durch.
Auf der Tonspur geschieht kaum neues, dafür wurde aber "unter der Haube" geschraubt. Cook hat zum einen die Rhythmusspur ergänzt und gestrafft, dass der nun quantisierte Groove mixbar und Tanzflächen-kompatibel wurde. Weiterhin hat er einige Breaks und Drum-Fill-Ins neu eingeflochten. Zum anderen hat er einige Parts des Songs überarbeitet und ein paar Sounds neu eingespielt (diverse Synthesizerklänge und das Honky Tonk-Klavier zum Ende), als auch Keith Richards' Gitarrensolo gecuttet.
Viel ergiebiger als den Remix selbst finde ich jedoch das zu Norman Cooks Remix produzierte Video. Ich möchte im Rahmen dieses Blogbeitrags auf ein paar Elemente aufmerksam machen, die mich dazu bringen die These aufzustellen, dass wir es hier besonders auf der Bildebene mit einer interessanten Verschränkung von Diskursen zu tun haben: Einer Verzahnung des historisch-politischen und des popkulturell-ästhetischen Diskurses, welche in der Bildpräsenz der Rolling Stones ihre selbstbestimmte Manifestation finden.
Zur historisch-politischen Ebene: Was mir sofort bei der ersten Sichtung auffiel: das Video beinhaltet eine Menge Bildmaterial, was die Rolling Stones live zeigt. Vielleicht erkennt es der eine oder die andere wieder?! Es ist das Bildmaterial aus "Live at The Rock'n'Roll Circus" von 1968, über welches ich in diesem Blog vor zwei Einträgen geschrieben habe. Wir haben es hier also mit authentischem Stones-Bildmaterial zu tun, das so geschickt an die Tonspur angelegt wurde, dass der Eindruck von Synchronität entsteht. Beeindruckend, wenn man davon ausgeht, dass nicht die mittelmäßige Qualität der BBC-Tonspur die Grundlage für Norman Cooks Remix gewesen sein wird.
In welchem Detail steckt der Teufel hier? Nun ja, er versteckt sich quasi im Kleingedruckten. Politische Inhalte finden sich sowohl in den Überschriften der eingeblendeten Zeitungsausschnitte, als auch in den kurzen Filmsequenzen und Fotoeinblendungen (Vietnam, Napalm-Abwurf, das Kennedy-Attentat, die Zarenfamilie, Randale auf einer Konzertbühne).
Aber was - um Himmels willen - sind das für Überschriften?! Das, was im laufenden Video wie eine Sammlung zeitgenössischer Zeitungsartikel zur Untermauerung des Textzeilen wirkt, entwickelt beim Versuch des genauen Lesens eine ganz eigene Dimension. Ich konnte leider nicht alle Überschriften entziffern, aber hier eine Auswahl - Wikipedia und Google helfen, denn dies ist keine Magisterarbeit, sondern ein Blogeintrag, verdammt!!!
… so weit, so gut. Aber dann …
… und wieder zurück zum Thema …
… aber jetzt wird's wild …
… ??! …
… um es am Ende endgültig klar zu machen:
Zur ästhetischen Ebene: Das Bildmaterial wurde bearbeitet. Die Farbwerte der Bilder werden kontinuierlich im Ablauf manipuliert. Das Originalmaterial wird entfärbt, monochrom eingefärbt oder an den Chromawerten herumgespielt, so dass eine psychedelische Farbskala erreicht wird. Freezeframes werden eingebaut, die einzelnen Musiker aus dem Bildzusammenhang extrahiert und mit fremden Bildelementen rekontextualisiert. Das alles geschieht in der 2003 popkulturell vorherrschenden, vektorbasierten "Macromedia Flash"-Ästhetik, wie wir sie mittlerweile auf jedem zweiten Bandplakat und auch auf Myspace finden.
Kollagiert werden die Stills bzw. Snippets des Stonesauftritts von '68 mit assoziativen ikonografischen Elementen, deren Tiefe zugunsten einer zweidimensionalen, einfarbigen Darstellung reduziert wurde und die die entsprechenden Textstellen in Mick Jaggers Text illustrieren. Eine neue, virtuelle Raumtiefe wird durch die immer wieder eingeblendeten, psychedelisch angehauchten "Bildschirmschoner"-Vektorfahrten erzeugt, die die "Ereignisse" im Video quasi wie auf einer Perlenschnur rhythmisch verbinden. Die darin vertikalen großflächigen Punktrasterungen des ursprünglichen Bildmaterials lassen einen die Medialität der Bilder spüren, in der am Ende des Songs die Rolling Stones implodieren.
Zusammenfassend bin ich der Meinung, dass die Rolling Stones mit diesem Remix in zwei Dimensionen "erweitert" werden, ohne dass sie selbst noch etwas aktiv dazu beigetragen hätten: sie werden mit Hilfe dieses Videos sowohl bildästhetisch, als auch klanglich aus dem Jahre 1968 auf den Pop-Diskurs von 2003 aktualisiert und gleichzeitig politisch-historisch mit dem zugrunde liegenden Filmmaterial und den vermeintlich dokumentarischen Zeitungsausschnitten temporal fixiert. Eine Zeitspanne von über 40 Jahren wird überbrückt, und die Rolling Stones erscheinen 2003 in dieser Darstellung genauso hip, wie die Strokes oder eine x-beliebige andere zeitgenössische Garagenrockband. Man sollte hierbei jedoch nicht "hip" mit "zeitlos" verwechseln.
Somit vergrößert der Remix und sein Videoclip die (ich nenne es einmal) Aura der Rolling Stones. Um ein Bild für diese gedankliche Bewegung zu bringen und meine These ein wenig auf die Spitze zu treiben: Die Rolling Stones werden mit diesem Remix "aufgeblasen" und ihre Rolle in der Popgeschichte wird zu ihren Gunsten verschoben. Sie ähneln mit dieser Überdimensioniertheit ihrer 40-jährigen Dauerhipness ein wenig dem Marshmellow-Mann in Ghostbusters, denn ihr Mythos bekommt dadurch etwas monströses.
Aber wenn die Rolling Stones im Pop-Diskurs mittlerweile die Physis des Marshmellow-Mann angenommen haben sollten, dann finden wir vielleicht auch dort Hinweise, wo das Dämonische in den Rolling Stones steckt und wie wir diesem zu Leibe rücken können... Entschuldigung, das war ein Witz.
Eine Version ist uns dabei allerdings bisher durch die Lappen gegangen: Im Jahre 2003 veröffentlichte der Beatbastler Norman Cook alias Fatboy Slim seine Version des Songs. Diese Version unterscheidet sich von den meisten anderen Versionen meines Erachtens darin, dass es keine Cover-Version ist, sondern ein Remix (am ehesten vergleichbar mit der Version von den Neptunes), da nicht eine andere Band sich des Songs "Sympathy for the Devil" bedient, sondern die Rolling Stones hier "in persona" performen.
(hier noch ein Link zu einer besseren Bildqualität, leider ließ sich dieser Film nicht an dieser Stelle einbetten)
Schaut man sich das Video an, so stellt sich auf den ersten Blick die Frage, wo hier der Remix sein soll. Norman Cooks Version von 2003 klingt verdächtig wie das Original der Rolling Stones aus dem Jahre 1968. Erst beim genaueren Hinhören und im direkten Vergleich schimmern die dezenten Unterschiede durch.
Auf der Tonspur geschieht kaum neues, dafür wurde aber "unter der Haube" geschraubt. Cook hat zum einen die Rhythmusspur ergänzt und gestrafft, dass der nun quantisierte Groove mixbar und Tanzflächen-kompatibel wurde. Weiterhin hat er einige Breaks und Drum-Fill-Ins neu eingeflochten. Zum anderen hat er einige Parts des Songs überarbeitet und ein paar Sounds neu eingespielt (diverse Synthesizerklänge und das Honky Tonk-Klavier zum Ende), als auch Keith Richards' Gitarrensolo gecuttet.
Viel ergiebiger als den Remix selbst finde ich jedoch das zu Norman Cooks Remix produzierte Video. Ich möchte im Rahmen dieses Blogbeitrags auf ein paar Elemente aufmerksam machen, die mich dazu bringen die These aufzustellen, dass wir es hier besonders auf der Bildebene mit einer interessanten Verschränkung von Diskursen zu tun haben: Einer Verzahnung des historisch-politischen und des popkulturell-ästhetischen Diskurses, welche in der Bildpräsenz der Rolling Stones ihre selbstbestimmte Manifestation finden.
Zur historisch-politischen Ebene: Was mir sofort bei der ersten Sichtung auffiel: das Video beinhaltet eine Menge Bildmaterial, was die Rolling Stones live zeigt. Vielleicht erkennt es der eine oder die andere wieder?! Es ist das Bildmaterial aus "Live at The Rock'n'Roll Circus" von 1968, über welches ich in diesem Blog vor zwei Einträgen geschrieben habe. Wir haben es hier also mit authentischem Stones-Bildmaterial zu tun, das so geschickt an die Tonspur angelegt wurde, dass der Eindruck von Synchronität entsteht. Beeindruckend, wenn man davon ausgeht, dass nicht die mittelmäßige Qualität der BBC-Tonspur die Grundlage für Norman Cooks Remix gewesen sein wird.
In welchem Detail steckt der Teufel hier? Nun ja, er versteckt sich quasi im Kleingedruckten. Politische Inhalte finden sich sowohl in den Überschriften der eingeblendeten Zeitungsausschnitte, als auch in den kurzen Filmsequenzen und Fotoeinblendungen (Vietnam, Napalm-Abwurf, das Kennedy-Attentat, die Zarenfamilie, Randale auf einer Konzertbühne).
Aber was - um Himmels willen - sind das für Überschriften?! Das, was im laufenden Video wie eine Sammlung zeitgenössischer Zeitungsartikel zur Untermauerung des Textzeilen wirkt, entwickelt beim Versuch des genauen Lesens eine ganz eigene Dimension. Ich konnte leider nicht alle Überschriften entziffern, aber hier eine Auswahl - Wikipedia und Google helfen, denn dies ist keine Magisterarbeit, sondern ein Blogeintrag, verdammt!!!
- Poll: 91.5 % Of Soldiers Say Bodies Stank
- Eyewitness: It Was Statan's Geat Ball
- Extraction Of The Seventh Proof
… so weit, so gut. Aber dann …
- Refugees: Thousands Burned Alive
- Meltdown? Experts: No Clue!
- Radiationcloud Circles Earth By Tuesday
- White House: Buy Duct Tape, Bottled Water, Rubber Gloves
… und wieder zurück zum Thema …
- Accident At Griboyedov
- News From Yalta
- The Appearance Of The Hero (mit Foto von JFK)
- Supporters Hail Dawn New Era
- 'We Have Returned The Future To It's Rightful Owners'
… aber jetzt wird's wild …
- The Execution of Pontius Pilatus - Govenor's Death Televised Worldwide
- Notorious Roman Puppet Pays Ultimate Price
- Refusal To Protect Jesus Leads To Crucification
… ??! …
- The Burial Of The Evil Poet
- The Day Without Peace - Warfare Erupts Around The World
- No Nations Safe From Attack
- Clash Over Alien Crash Site
- City Empties As Bombs Fall
- The Fate Of The Behemoth Is Determined
- Security Council Votes For Immedite Strike Against Leviathan
… um es am Ende endgültig klar zu machen:
- Officials Deny 'Doomsday' Leaks
- Vote Sparks Riot Looting Around The Globe
- 'The End Is Near' Says Vatican
Zur ästhetischen Ebene: Das Bildmaterial wurde bearbeitet. Die Farbwerte der Bilder werden kontinuierlich im Ablauf manipuliert. Das Originalmaterial wird entfärbt, monochrom eingefärbt oder an den Chromawerten herumgespielt, so dass eine psychedelische Farbskala erreicht wird. Freezeframes werden eingebaut, die einzelnen Musiker aus dem Bildzusammenhang extrahiert und mit fremden Bildelementen rekontextualisiert. Das alles geschieht in der 2003 popkulturell vorherrschenden, vektorbasierten "Macromedia Flash"-Ästhetik, wie wir sie mittlerweile auf jedem zweiten Bandplakat und auch auf Myspace finden.
Kollagiert werden die Stills bzw. Snippets des Stonesauftritts von '68 mit assoziativen ikonografischen Elementen, deren Tiefe zugunsten einer zweidimensionalen, einfarbigen Darstellung reduziert wurde und die die entsprechenden Textstellen in Mick Jaggers Text illustrieren. Eine neue, virtuelle Raumtiefe wird durch die immer wieder eingeblendeten, psychedelisch angehauchten "Bildschirmschoner"-Vektorfahrten erzeugt, die die "Ereignisse" im Video quasi wie auf einer Perlenschnur rhythmisch verbinden. Die darin vertikalen großflächigen Punktrasterungen des ursprünglichen Bildmaterials lassen einen die Medialität der Bilder spüren, in der am Ende des Songs die Rolling Stones implodieren.
Zusammenfassend bin ich der Meinung, dass die Rolling Stones mit diesem Remix in zwei Dimensionen "erweitert" werden, ohne dass sie selbst noch etwas aktiv dazu beigetragen hätten: sie werden mit Hilfe dieses Videos sowohl bildästhetisch, als auch klanglich aus dem Jahre 1968 auf den Pop-Diskurs von 2003 aktualisiert und gleichzeitig politisch-historisch mit dem zugrunde liegenden Filmmaterial und den vermeintlich dokumentarischen Zeitungsausschnitten temporal fixiert. Eine Zeitspanne von über 40 Jahren wird überbrückt, und die Rolling Stones erscheinen 2003 in dieser Darstellung genauso hip, wie die Strokes oder eine x-beliebige andere zeitgenössische Garagenrockband. Man sollte hierbei jedoch nicht "hip" mit "zeitlos" verwechseln.
Somit vergrößert der Remix und sein Videoclip die (ich nenne es einmal) Aura der Rolling Stones. Um ein Bild für diese gedankliche Bewegung zu bringen und meine These ein wenig auf die Spitze zu treiben: Die Rolling Stones werden mit diesem Remix "aufgeblasen" und ihre Rolle in der Popgeschichte wird zu ihren Gunsten verschoben. Sie ähneln mit dieser Überdimensioniertheit ihrer 40-jährigen Dauerhipness ein wenig dem Marshmellow-Mann in Ghostbusters, denn ihr Mythos bekommt dadurch etwas monströses.
Aber wenn die Rolling Stones im Pop-Diskurs mittlerweile die Physis des Marshmellow-Mann angenommen haben sollten, dann finden wir vielleicht auch dort Hinweise, wo das Dämonische in den Rolling Stones steckt und wie wir diesem zu Leibe rücken können... Entschuldigung, das war ein Witz.

