Also eines ist klar: Friedrich Kittler ist kein Stones-Fan! Ich hatte schon mein letztes Interview dieser Reihe den Bach runter gehen sehen, als Professor Kittler mir in seiner Sprechstunde eröffnete, dass er viel lieber die Beatles gehört habe und immer noch ein ausgeprägter Fan von Pink Floyd sei (die nun einmal an dieser Stelle so gar nicht thematisiert werden sollen). Aber dann konnte ich ihn doch noch für eine intellektuelle Auseinandersetzung mit den - in seinen Augen - "brutalistischen" Rolling Stones interessieren.
Die zweite Hälfte der 60er Jahre hat Kittler studierend in Freiburg verbracht, so dass er all diese Songs durch die Jukebox im Studentencafé kennengelernt hat.
Auch Kittler spricht von einer "ideologischen Front", die zwischen den Rolling Stones-Hörern und denen der Beatles verlief. Allerdings beschreibt er dies auf einer Ebene, die in dieser Klarheit bei meinen anderen Interviewpartnern so nicht beschrieben wurde und auch noch zu überprüfen wäre:
Die Polarisierung der Fans vollzog sich nach Kittler nicht nur an der Demarkationslinie des eigenen Musikgeschacks, sondern es scheint auch einen vertikalen Klassenzusammenhang zu geben, welche Musik man nun hörte und welche nicht. Die angehenden Akademiker hörten auf ihren WG-Parties Pink Floyd und György Ligeti, die Rolling Stones waren der "Soundtrack des einfachen Volkes".
Hier kommt ein wertkonservativer Gedanke in die Diskussion, der sich - aus meiner Sicht - mit den Intentionen und Gedanken der 68er und des Aufbrechens alter Gesellschaftsstrukturen kaum vertragen mag. Jedoch scheint die Identifikation mit Musik und Kultur als Repräsentationsmittel und Versicherung der eigenen Rolle und Identität auch heute noch ungebrochen. Sonst müssten wir uns vermutlich nicht mit solch poststrukturalistischen Vokabeln wie "high/low brow" herumschlagen.
Sehr interessant war es auf jeden Fall, die Inhalte der mir aus dem Seminar bekannten Texte aus Kittlers Mund zu lauschen, was die wunderbare Möglichkeit der Ergänzungen mit sich brachte, die oftmals über die bekannten Textinhalte hinaus gingen.
Kittlers Ansatz blieb natürlich auch in unserem Gespräch technisch-deterministisch. Im Rahmen seiner Laudatio für Bran Eno an der (heutigen) UDK Berlin thematisierte er seinen Ansatz, das diese Art von Musik nur in Großbritannien entstehen konnte: als Crossover-Kultur von europäischer Hochtechnologie und amerikanischen Rhythm & Blues. Diese Herleitung wurde ihm anscheinend von Brian Eno bestätigt, im persönlichen Gespräch nach der Laudatio anhand dessen eigener Sozialisation. Dieser Gedanke scheint aber gleichzeitig auch ein Teil von Kittlers offenbar langjährigen Auseinandersetzung mit Dietrich Dietrichsen zu sein … Es ist kaum zu glauben, welchen Einfluss die Rolling Stones auf unser heutiges Leben haben ;)
Quellenangaben zu den Fotos:
Bild 1: Friedrich Kittler, Quelle: kunstradio.at
Bild 2: Dietrich Dietrichsen, Quelle: Wikipedia
Die zweite Hälfte der 60er Jahre hat Kittler studierend in Freiburg verbracht, so dass er all diese Songs durch die Jukebox im Studentencafé kennengelernt hat.
Auch Kittler spricht von einer "ideologischen Front", die zwischen den Rolling Stones-Hörern und denen der Beatles verlief. Allerdings beschreibt er dies auf einer Ebene, die in dieser Klarheit bei meinen anderen Interviewpartnern so nicht beschrieben wurde und auch noch zu überprüfen wäre:Die Polarisierung der Fans vollzog sich nach Kittler nicht nur an der Demarkationslinie des eigenen Musikgeschacks, sondern es scheint auch einen vertikalen Klassenzusammenhang zu geben, welche Musik man nun hörte und welche nicht. Die angehenden Akademiker hörten auf ihren WG-Parties Pink Floyd und György Ligeti, die Rolling Stones waren der "Soundtrack des einfachen Volkes".
Hier kommt ein wertkonservativer Gedanke in die Diskussion, der sich - aus meiner Sicht - mit den Intentionen und Gedanken der 68er und des Aufbrechens alter Gesellschaftsstrukturen kaum vertragen mag. Jedoch scheint die Identifikation mit Musik und Kultur als Repräsentationsmittel und Versicherung der eigenen Rolle und Identität auch heute noch ungebrochen. Sonst müssten wir uns vermutlich nicht mit solch poststrukturalistischen Vokabeln wie "high/low brow" herumschlagen.
Sehr interessant war es auf jeden Fall, die Inhalte der mir aus dem Seminar bekannten Texte aus Kittlers Mund zu lauschen, was die wunderbare Möglichkeit der Ergänzungen mit sich brachte, die oftmals über die bekannten Textinhalte hinaus gingen.
Kittlers Ansatz blieb natürlich auch in unserem Gespräch technisch-deterministisch. Im Rahmen seiner Laudatio für Bran Eno an der (heutigen) UDK Berlin thematisierte er seinen Ansatz, das diese Art von Musik nur in Großbritannien entstehen konnte: als Crossover-Kultur von europäischer Hochtechnologie und amerikanischen Rhythm & Blues. Diese Herleitung wurde ihm anscheinend von Brian Eno bestätigt, im persönlichen Gespräch nach der Laudatio anhand dessen eigener Sozialisation. Dieser Gedanke scheint aber gleichzeitig auch ein Teil von Kittlers offenbar langjährigen Auseinandersetzung mit Dietrich Dietrichsen zu sein … Es ist kaum zu glauben, welchen Einfluss die Rolling Stones auf unser heutiges Leben haben ;)Quellenangaben zu den Fotos:
Bild 1: Friedrich Kittler, Quelle: kunstradio.at
Bild 2: Dietrich Dietrichsen, Quelle: Wikipedia

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