Mittwoch, 28. Januar 2009

Interview #3: Rani T.

Interview #3: Rani T. war noch Schülerin im altsprachlichen Gymnasium, als sie in Frankfurt über das American Forces Network (AFN) mit Rock'n'Roll in Berührung kam. Für die westdeutsche Jugend in den Fünfziger Jahren war es anscheinend eine harte Zeit. Zwischen Nierentisch und Salzstangen eingezwängt, scheint es aus heutiger Sicht fast schon eine natürliche Entwicklung zur Studentenrevolte und den Kampf um die individuelle Freiheit.



Auffällig bei diesem Interview war wieder einmal, das auch Rani mehrmals den direkten Vergleich zwischen den Beatles und den Rolling Stones zog, ebenso wie meine vorherigen Gesprächspartner Burkhart H. und Klaus G. Es scheint auch heute noch zwischen diesen beiden Bands ein besonderes (auch medial forciertes) Verhältnis in unserem kulturellen Gedächtnis zu existieren, welches für die jungen Fans in den Sechziger Jahren eine Art "Glaubensfrage" darstellte, die sich bis heute in der Erinnerung durchschlägt, selbst wenn man sich selber retrospektiv gar nicht als ein eindeutiger Fan einschätzt.

Für Rani T. erschienen die Rolling Stones wilder, unmittelbarer und weniger zivilisiert als die Beatles, was sich offensichtlich auch in den Konzerten der Band und dem Verhalten des Publikums niederschlug. Zwar wurde die Konzerthalle in Frankfurt nicht zu Kleinholz verarbeitet, wie die Waldbühne in Berlin, aber in Ranis Erinnerung war auch das von ihr in Frankfurt besuchte Rolling Stones-Konzert eine chaotische Veranstaltung. Und auch in Frankfurt wirkte die Band drogenbedingt derangiert. Auch hier war es nur ein kurzes Konzert, bis die Musiker von der Bühne verschwanden. Ich denke, dass dieses immer wiederkehrende Verhalten der Rolling Stones in ihren frühen Jahren einen wichtigen Teil davon ausmacht, wie sich ihr Ruf und ihr Image in den weiteren Jahren entwickelte.

Auch Rani ist dem Gerücht von Altamont aufgesessen, dass die Stones dort "Sympathy for the Devil" spielten, als der Zwischenfall mit den Hells Angels geschah. Aber auch wie meine bisherigen Gesprächspartner kommt Rani zu der Einschätzung, dass dies weder die Schuld noch der Verdienst der Rolling Stones war. Vielmehr fragt sie, was für ein Begriff das Teuflische in seinem Verhältnis zu den Rolling Stones überhaupt einnimmt?

Die Rolling Stones (und der Rock'n'Roll überhaupt) stellen für Rani einen Archetyp des Rohen dar, wovon man sich als zivilisierter Mensch im Laufe seiner Entwicklung normalerweise wegbewegt. Die Rolling Stones haben den kulturell rohen und rauen Elementen in ihrer künstlerischen Entwicklung immer freien Lauf gelassen und das als kreatives Potential genutzt. Somit erscheint die den Stones immer wieder nachgesagte Affinität zum Teuflischen als "Spiel mit dem Feuer", um sich im Sinne des Rocks in ihrer Kreativität immer weiter zu entwickeln.

Rani sagt, dass der Teufel in jedem Menschen stecke und immer auch ein Teil der eigenen Seele sei. Diesen in Schach zu halten, scheint eine Kunst, die sich weniger im Satanismus o.ä. Phänomenen manifestiert, als eher eine lebensbegleitende Auseinandersetzung mit sich selbst und der eigenen Existenz zu sein scheint... womit ich, auf meinen vorherigen Blogeintrag verweisend, auch schließen möchte.


Quellenangaben zu den Fotos:
Bild 1: Original caption: 9/11/1973-Frankfurt, Germany - Mick Jagger arriving in Frankfurt for the start of the German leg of his rock troupe's 1973 European tour. Quelle: Corbis

Montag, 19. Januar 2009

Kein Engel für Mick

Ich bin beim Stöbern im Internet auf das Webforum des Internetradioanbieters Radio Paradise gestoßen. Dort wurden in den letzten drei Jahren 49 Kommentare zum Stones-Song "Saint of Me" gepostet, der auf der Station zum letzten Mal am 28. August 2005 gespielt wurde. Der Song "Saint of Me" ist von dem 1997 veröffentlichten Rolling Stones-Album "Bridges to Babylon".

Hier erst einmal das Video zum Song:


The Rolling Stones - Saint Of Me - MyVideo

Und weil es so schön und nützlich ist, hier gleich die Lyrics hinterher:

Saint Of Me
(jagger/richards)

Saint paul the persecutor
Was a cruel and sinful man
Jesus hit him with a blinding light
And then his life began
I said yeah
I said yeah

Augustin knew temptation
He loved women, wine and song
And all the special pleasures
Of doing something wrong
I said yeah
I said yeah

I said yeah, oh yeah, oh yeah
Youll never make a saint of me
Oh yeah, oh yeah
Youll never make a saint of me

And could you stand the torture
And could you stand the pain
Could you put your faith in jesus
When youre burning in the flames

And I do believe in miracles
And I want to save my soul
And I know that Im a sinner
Im gonna die here in the cold
I said yes, I said yeah

I said yeah, oh yeah, oh yeah
Youll never make a saint of me
Oh yeah, oh yeah
Youll never make a saint of me
Oh yeah, oh yeah
Youll never make a saint of me
Oh yeah, oh yeah
Youll never make a saint of me

I thought I heard an angel cry
I thought I saw a teardrop falling from his eye

John the baptist was a martyr
But he stirred up herods hate
And salome got her wish
To have him served up on a plate
I said yes
I said yeah

I said yeah, oh yeah, oh yeah
Youll never make a saint of me
Oh yeah, oh yeah
Youll never make a saint of me
Oh yeah, oh yeah
Youll never make a saint of me
Oh yeah, oh yeah
Youll never make a saint of me

I thought I heard an angel cry
I thought I saw a teardrop falling from his eye
I thought I saw an angel cry

Youll never make a saint of me
Youll never make a saint of me

So weit, so gut. Auch bei diesem Song muss man Mick Jagger eine gewisse, humanistisch gebildete Bibelstabilität anerkennen. Aber zurück zu den Fans: Am 18. Februar 2005 um 11:15 Uhr schrieb "dkwalika" folgenden Beitrag in den Thread zu "Saint of Me" im Forum von Radio Paradise:

[…] this song is the anti-Sympathy. Think "Yeah, Oh Yeah" vs. "Whoo-hoo" in Sympathy for the Devil. […]

Anscheinend entlockt dieser Song dem einen oder anderen Stones-Fan die Assoziation zu "Sympathy for the Devil". Im Intro hören wir eine Orgel… eine ORGEL?! War es nicht eine Orgel, die bei "Sympathy for the Devil" im Laufe von Godards "One plus One" dem etwas rhythmischer gespielten Klavier weichen musste? Dann beginnt die Rhythmus-Sektion inklusive Schellenring, dass man meinen könnte, der zugedröhnte Brian Jones stünde wieder an den Maracas. Aber was sich 1968 in einen furiosen Sambagroove entwickelt, findet 1997 zurück in die Ursprünglichkeit der modernen Rockmusik: den Blues.

Und immer wieder diese Bilder: Wer ist denn dieser blonde Engel mit dem verschmierten Kayal? Bei Pilatus waren es noch die Hände, die in Unschuld gewaschen wurden. Hier werden die Füße der Dame benetzt, was eine schwüle Erotik ausschwitzt, fast so schlimm, wie eine Fußmassage. Und warum, zur Hölle, stehen die Rolling Stones die ganze Zeit in einem abgewrackten Waschraum. Würde die Kamera nur einen 90-Grad-Schwenk machen, vermutlich käme das Klo vom "Beggars Banquet"-Cover ins Bild. Und dann dieses Abendmahl-Motiv - zeig' mir bitte noch einmal das Innencover von "Beggars Banquet"! Und am Ende zieht ein schwarzer Engel wie ein Geier seine Kreise vor einem Nachtclub namens "Erlösung". Oh mann, so stelle ich mir den Vorraum der Hölle vor…

Nun gut. Nachdem im Forums-Thread noch ein paar Beiträge über die tollen Fähigkeiten und die "engelsgleiche" Person von Charlie Watts plätschern und ob der Song nicht ein wenig zu sehr nach INXS klänge (??!), schreibt "noetic" am 30. Juni 2005 um 16:52 Uhr noch folgendes:

YET, I can't help but wonder why Sympathy of the Devil seems to reflect more personal passion?

Tja, warum klingt "Sympathy of the Devil" denn bloß so leidenschaftlich im Vergleich zu "Saint of Me"? Weil die Stones einfach älter geworden sind und Mick Jagger nicht mehr so Jungspund-mäßig über die Bühne hüpft und zappelt? Weil die sie mittlerweile zu Millionären geworden sind? - ODER WEIL DIE ROLLING STONES EINFACH "EVIL" SIND UND VOR JAHREN SCHON DEM TEUFEL IHRE SEELE VERKAUFT HABEN?

Naja, alle außer Charlie, denn der hat ja schon drei Engel…

Freitag, 9. Januar 2009

Just another Cover Song? - Der Fatboy Slim Remix

Was haben wir denn da? Im Laufe des Semesters sind wir immer wieder auf Cover-Versionen von "Sympathy for the Devil" gestoßen. Einige davon haben wir im Seminar angesprochen (Guns N' Roses, Jane's Addiction, Laibach …), andere wurden bereits von einigen meiner Kommilitonen in ihren Weblogs angeführt (The Neptunes).

Eine Version ist uns dabei allerdings bisher durch die Lappen gegangen: Im Jahre 2003 veröffentlichte der Beatbastler Norman Cook alias Fatboy Slim seine Version des Songs. Diese Version unterscheidet sich von den meisten anderen Versionen meines Erachtens darin, dass es keine Cover-Version ist, sondern ein Remix (am ehesten vergleichbar mit der Version von den Neptunes), da nicht eine andere Band sich des Songs "Sympathy for the Devil" bedient, sondern die Rolling Stones hier "in persona" performen.



(hier noch ein Link zu einer besseren Bildqualität, leider ließ sich dieser Film nicht an dieser Stelle einbetten)

Schaut man sich das Video an, so stellt sich auf den ersten Blick die Frage, wo hier der Remix sein soll. Norman Cooks Version von 2003 klingt verdächtig wie das Original der Rolling Stones aus dem Jahre 1968. Erst beim genaueren Hinhören und im direkten Vergleich schimmern die dezenten Unterschiede durch.

Auf der Tonspur geschieht kaum neues, dafür wurde aber "unter der Haube" geschraubt. Cook hat zum einen die Rhythmusspur ergänzt und gestrafft, dass der nun quantisierte Groove mixbar und Tanzflächen-kompatibel wurde. Weiterhin hat er einige Breaks und Drum-Fill-Ins neu eingeflochten. Zum anderen hat er einige Parts des Songs überarbeitet und ein paar Sounds neu eingespielt (diverse Synthesizerklänge und das Honky Tonk-Klavier zum Ende), als auch Keith Richards' Gitarrensolo gecuttet.

Viel ergiebiger als den Remix selbst finde ich jedoch das zu Norman Cooks Remix produzierte Video. Ich möchte im Rahmen dieses Blogbeitrags auf ein paar Elemente aufmerksam machen, die mich dazu bringen die These aufzustellen, dass wir es hier besonders auf der Bildebene mit einer interessanten Verschränkung von Diskursen zu tun haben: Einer Verzahnung des historisch-politischen und des popkulturell-ästhetischen Diskurses, welche in der Bildpräsenz der Rolling Stones ihre selbstbestimmte Manifestation finden.

Zur historisch-politischen Ebene: Was mir sofort bei der ersten Sichtung auffiel: das Video beinhaltet eine Menge Bildmaterial, was die Rolling Stones live zeigt. Vielleicht erkennt es der eine oder die andere wieder?! Es ist das Bildmaterial aus "Live at The Rock'n'Roll Circus" von 1968, über welches ich in diesem Blog vor zwei Einträgen geschrieben habe. Wir haben es hier also mit authentischem Stones-Bildmaterial zu tun, das so geschickt an die Tonspur angelegt wurde, dass der Eindruck von Synchronität entsteht. Beeindruckend, wenn man davon ausgeht, dass nicht die mittelmäßige Qualität der BBC-Tonspur die Grundlage für Norman Cooks Remix gewesen sein wird.

In welchem Detail steckt der Teufel hier? Nun ja, er versteckt sich quasi im Kleingedruckten. Politische Inhalte finden sich sowohl in den Überschriften der eingeblendeten Zeitungsausschnitte, als auch in den kurzen Filmsequenzen und Fotoeinblendungen (Vietnam, Napalm-Abwurf, das Kennedy-Attentat, die Zarenfamilie, Randale auf einer Konzertbühne).

Aber was - um Himmels willen - sind das für Überschriften?! Das, was im laufenden Video wie eine Sammlung zeitgenössischer Zeitungsartikel zur Untermauerung des Textzeilen wirkt, entwickelt beim Versuch des genauen Lesens eine ganz eigene Dimension. Ich konnte leider nicht alle Überschriften entziffern, aber hier eine Auswahl - Wikipedia und Google helfen, denn dies ist keine Magisterarbeit, sondern ein Blogeintrag, verdammt!!!

  • Poll: 91.5 % Of Soldiers Say Bodies Stank
  • Eyewitness: It Was Statan's Geat Ball
  • Extraction Of The Seventh Proof

… so weit, so gut. Aber dann …


… und wieder zurück zum Thema …

  • Accident At Griboyedov
  • News From Yalta
  • The Appearance Of The Hero (mit Foto von JFK)
  • Supporters Hail Dawn New Era
  • 'We Have Returned The Future To It's Rightful Owners'

… aber jetzt wird's wild …

  • The Execution of Pontius Pilatus - Govenor's Death Televised Worldwide
  • Notorious Roman Puppet Pays Ultimate Price
  • Refusal To Protect Jesus Leads To Crucification

… ??! …

  • The Burial Of The Evil Poet
  • The Day Without Peace - Warfare Erupts Around The World
  • No Nations Safe From Attack
  • Clash Over Alien Crash Site
  • City Empties As Bombs Fall
  • The Fate Of The Behemoth Is Determined
  • Security Council Votes For Immedite Strike Against Leviathan

… um es am Ende endgültig klar zu machen:

  • Officials Deny 'Doomsday' Leaks
  • Vote Sparks Riot Looting Around The Globe
  • 'The End Is Near' Says Vatican
Yep, das Ende ist nah!!! Weekly World News hätte es nicht besser schreiben können. Fact or Fiction - Hier mischt sich alles in Windeseile und man hat kaum Zeit zu lesen, was die dokumentarischen Medien hier alles behaupten. Es wird schon stimmen…

Zur ästhetischen Ebene: Das Bildmaterial wurde bearbeitet. Die Farbwerte der Bilder werden kontinuierlich im Ablauf manipuliert. Das Originalmaterial wird entfärbt, monochrom eingefärbt oder an den Chromawerten herumgespielt, so dass eine psychedelische Farbskala erreicht wird. Freezeframes werden eingebaut, die einzelnen Musiker aus dem Bildzusammenhang extrahiert und mit fremden Bildelementen rekontextualisiert. Das alles geschieht in der 2003 popkulturell vorherrschenden, vektorbasierten "Macromedia Flash"-Ästhetik, wie wir sie mittlerweile auf jedem zweiten Bandplakat und auch auf Myspace finden.

Kollagiert werden die Stills bzw. Snippets des Stonesauftritts von '68 mit assoziativen ikonografischen Elementen, deren Tiefe zugunsten einer zweidimensionalen, einfarbigen Darstellung reduziert wurde und die die entsprechenden Textstellen in Mick Jaggers Text illustrieren. Eine neue, virtuelle Raumtiefe wird durch die immer wieder eingeblendeten, psychedelisch angehauchten "Bildschirmschoner"-Vektorfahrten erzeugt, die die "Ereignisse" im Video quasi wie auf einer Perlenschnur rhythmisch verbinden. Die darin vertikalen großflächigen Punktrasterungen des ursprünglichen Bildmaterials lassen einen die Medialität der Bilder spüren, in der am Ende des Songs die Rolling Stones implodieren.

Zusammenfassend bin ich der Meinung, dass die Rolling Stones mit diesem Remix in zwei Dimensionen "erweitert" werden, ohne dass sie selbst noch etwas aktiv dazu beigetragen hätten: sie werden mit Hilfe dieses Videos sowohl bildästhetisch, als auch klanglich aus dem Jahre 1968 auf den Pop-Diskurs von 2003 aktualisiert und gleichzeitig politisch-historisch mit dem zugrunde liegenden Filmmaterial und den vermeintlich dokumentarischen Zeitungsausschnitten temporal fixiert. Eine Zeitspanne von über 40 Jahren wird überbrückt, und die Rolling Stones erscheinen 2003 in dieser Darstellung genauso hip, wie die Strokes oder eine x-beliebige andere zeitgenössische Garagenrockband. Man sollte hierbei jedoch nicht "hip" mit "zeitlos" verwechseln.

Somit vergrößert der Remix und sein Videoclip die (ich nenne es einmal) Aura der Rolling Stones. Um ein Bild für diese gedankliche Bewegung zu bringen und meine These ein wenig auf die Spitze zu treiben: Die Rolling Stones werden mit diesem Remix "aufgeblasen" und ihre Rolle in der Popgeschichte wird zu ihren Gunsten verschoben. Sie ähneln mit dieser Überdimensioniertheit ihrer 40-jährigen Dauerhipness ein wenig dem Marshmellow-Mann in Ghostbusters, denn ihr Mythos bekommt dadurch etwas monströses.

Aber wenn die Rolling Stones im Pop-Diskurs mittlerweile die Physis des Marshmellow-Mann angenommen haben sollten, dann finden wir vielleicht auch dort Hinweise, wo das Dämonische in den Rolling Stones steckt und wie wir diesem zu Leibe rücken können... Entschuldigung, das war ein Witz.